Samstag, 27.09.2014

10:30 - 12:00 Uhr

Melanchthonianum HS XVI

Vorsitz: Falk, Katrin (Berlin)

Neue Konzepte professioneller Intervention

10:30 Uhr

K. Kammerer; J. Heusinger1; K. Falk
Institut für gerontologische Forschung e. V., Berlin; 1 Hochschule Magdeburg-Stendal, Magdeburg;

S417-01

Psychotherapie bei Depression im Alter – Zugangschancen und Barrieren aus Sicht versorgungspolitischer Akteure

Hintergrund: Rund ein Viertel der Menschen ab 65 Jahren leidet an psychischen Erkrankungen, wobei Depressionen zu den häufigsten zählen (Weyerer & Bickel 2007, Helmchen et al. 1996). Psychotherapeutische Behandlung erhalten jedoch nur wenige ältere Menschen, obwohl ihre Wirksamkeit auch für Ältere nachgewiesen ist (Heuft et al. 2006). Die BMBF-geförderte Studie „PSYTIA – Psychotherapie im Alter“ untersucht hemmende und fördernde Faktoren für einen gelingenden Zugang zu ambulanter Psychotherapie für über 60-jährige Menschen mit Depression aus vier Perspektiven (versorgungspolitische Akteure, Haus- und FachärztInnen, PsychotherapeutInnen, ältere Menschen).

Zielsetzung: Der Beitrag präsentiert vor dem Hintergrund der psychotherapiebezogenen Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems erste Ergebnisse zu Haltungen und Problemwahrnehmungen versorgungspolitischer Akteure bezüglich des Zugangs älterer Menschen mit Depression zu ambulanter Psychotherapie.

Methode: Die rechtlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland werden durch eine Analyse von Primär- und Sekundärquellen aufgearbeitet. Mittels leitfadengestützter Interviews werden versorgungspolitische Akteure aus Verbänden, Kammern, Krankenkassen und Patientenorganisationen (N=8-10) zu ihrer Wahrnehmung der Versorgungslage älterer Menschen mit Depression und des ambulanten psychotherapeutischen Versorgungssystems sowie zu ihrem Umgang mit diesen Rahmenbedingungen befragt. Die Interviews werden inhaltsanalytisch ausgewertet und einzelne Passagen hermeneutisch interpretiert.

Ergebnisse: Eine angemessene Versorgung älterer Menschen mit Depression wird als relevant erachtet, dabei jedoch vor der Folie der jeweiligen versorgungspolitischen Interessenlagen der Akteure ausbuchstabiert (z. B. Kostenbegrenzung, ökonomische und professionelle Autonomie). Kontrovers verhandelt werden u. a. die Abgrenzung von „Gesundheit“ und „Krankheit“, von „leichten“ und „schweren“ Fällen sowie von „Krankheiten“ vs. „sozialen Problemen“. Es zeigt sich, dass der Diskurs um die ambulante psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit dem allgemeinen Diskurs um Anerkennung und Stellenwert von Psychotherapie im Gesundheitssystem aufweist.

10:50 Uhr

L.-S. Kindermann; V. Leve1; L. Reddemann
Institut für Psychologie, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Klagenfurt/A; $1 Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf;

S417-02

Imaginationsverfahren in der Begleitung hochbetagter Menschen

Fragestellung
Ziel der psychotherapeutisch-ressourcenorientierten Arbeit mit Älteren und Hochaltrigen ist es, diese auf den Umgang mit altersbedingten Veränderungen wie dem Eintritt von Pflegebedürftigkeit, zunehmendem Schmerzerleben oder Verlusterfahrungen vorzubereiten. Imaginative Verfahren haben sich in der psychotherapeutischen Arbeit als wirksam zur Aktivierung individueller Ressourcen im Umgang mit Krisensituationen erwiesen. Im Rahmen der Studie wurde der Frage nachgegangen, ob und in welcher Form imaginative Übungen auch älteren Menschen einen Zugang zu ihren Ressourcen bieten können.
Methodik
In die einzelfallorientierte Interventionsstudie wurden 15 hochbetagte Personen einbezogen. Als Intervention wurden je nach den Bedürfnissen der Teilnehmenden die „Übung des inneren sicheren Ortes“, die „Baumübung“, die „Übung Gepäck ablegen“ und die „Tresorübung“ (Reddemann 2010) genutzt und weiterentwickelt. Die Erhebung der Datenbasis für die Falldarstellungen erfolgte mittels leitfadengestützter Interviews sowie Beobachtungsverfahren vor, während und nach den Übungen.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass durch imaginative Übungen der Zugang zu Assoziationen, Gedanken und Gefühlen ermöglicht wurde, welche wiederum stabilisierend auf die hochaltrigen Teilnehmenden wirkten. Es zeigten sich positive Effekte auf das akute Schmerzerleben sowie auf die Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit. Die Übungen unterstützten die Auseinandersetzung mit folgenden Themen: Schmerzen, Einsamkeit, mangelnder Lebensmut, Hilflosigkeitserleben.
Diese Studie liefert Anhaltspunkte dafür, dass imaginative Verfahren in der ressourcenorientierten Arbeit mit hochaltrigen Menschen einen Beitrag zur Stabilisierung und Entwicklung von Bewältigungsstrategien im Umgang mit altersspezifischen Veränderungen leisten können. Die Techniken werden im Vortrag anhand von Falldarstellungen exemplifiziert.

Literatur:
Reddemann L (2010) Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Stuttgart

11:10 Uhr

K. Haga; T. Daikoku1
Deutsches Institut für Japanstudien, Tokio/J; 1 Faculty of Administration & Social Sciences, Universität Fukushima, Fukushima/J;

S417-03

Ältere Menschen und Katastrophen: Was für Unterstützungen helfen ihnen wirklich?

Risiken und Katastrophen gelten als eine Herausforderung der gegenwärtigen Gesellschaft und haben auch eine hohe Relevanz für gerontologische Fragen. Katastrophenopfer müssen Verluste an Menschen und an Vermögen überwinden und lernen, mit Unsicherheit bzw. Ungewissheit umzugehen. Das ist mit dauerhaftem Stress verbunden, der einen körperlich, geistig und psychisch niederschlägt. Unser Beitrag setzt sich mit der Frage über Bedürfnisse und Fähigkeiten von älteren Menschen in einer Katastrophensituation aus politikwissenschaftlicher und ökonomischer Sicht jeweils in Verbindung mit Gerontologie auseinander und wertet die Situation von Flüchtlingen aus der Dreifachkatastrophe Fukushima aus.
Unterstützungsmaßnahmen beinhalten üblicherweise vom Staat oder Hilfsagenturen bereitgestellte Leistungen. Älteren und alten Betroffenen wird eine passive Rolle als Dienstleistungsempfänger zugeordnet. Eine derartige Form der Unterstützung ist politisch, ökonomisch und gerontologisch ineffizient zu bewerten. Unser Beitrag stellt die adaptiven und schöpferischen Antworten der lokalen Bevölkerung auf diese Herausforderungen einander kritisch gegenüber.
Dauerhaftes Wohnen in einer Übergangswohnung hat im Allgemeinen einen negativen Effekt auf Ernährung, Lebensstil und Motivation. Zudem ist die soziale Einbindung unterbunden. Die Fallstudie aus Fukushima zeigt, dass ein bisschen vom Alltagsleben etwa wie vor der Katastrophe erleben zu können, äußerst wichtig ist. Eine Wiederausübung ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit wie vor dem Atomreaktorunfall und Wiederherstellung der Kommunikation mit anderen haben positive Wirkung für ältere und alte Bewohner in Übergangswohnungen. Selbstrekonstruktion des Alltagslebens aus eigener Kraft ist ein wesentliches Element des Wiederaufbaus. Ältere Menschen können dazu selbst viel beitragen. Sie brauchen oftmals lediglich einen Anstoß. Die Universität Fukushima als Begleiter für Bewohner in den Übergangswohnungen statt Führer agiert hierfür mit ihnen koevolutorisch und trägt zur psychischen Genesung von Flüchtlingen vom Schock bei.

11:30 Uhr

I. Hendlmeier; A. Hoell1; M. Schäufele
Fakultät Sozialwesen, Hochschule Mannheim, 1 Psychiatrische Epidemiologie und Demografischer Wandel, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim;

S417-04

Das Pflegeberatungsinventar: erste Erprobung eines Assessmentinstruments für die Pflegeberatung

Hintergrund: Seit Inkrafttreten des §7a SGB XI zum 1.1. 2009 besteht der gesetzliche Anspruch auf “individuelle Pflegeberatung“. Ein Aufgabenschwerpunkt der individuellen Pflegeberatung bildet die systematische Erfassung und Analyse der Bedürfnisse und Bedarfslagen von pflegebedürftigen Menschen und die darauf basierende Erstellung, Umsetzung und Evaluation eines Hilfs- und Versorgungsplans.
Ziele: Ermittlung a) der Praktikabilität und b) der Inhaltsvalidität des multidimensionalen Pflegeberatungsinventars (PBI), das auf der Basis eines britischen Assessmentinstruments, des Sheffield Single Assessment Process Assessment, zum Einsatz in der Pflegeberatung entwickelt wurde.
Methoden: a) Durchführung einer Praktikabilitätsprüfung (Fokusgruppen, strukturierte schriftliche Befragung von Anwendern und hilfesuchenden Menschen in der Pflegeberatung); b) Durchführung einer zweimaligen schriftlichen Expertenbefragung anhand eines standardisierten Beurteilungsinstruments und Ermittlung der Inhaltsvalidität (Content Validity Indizes, Kappa- Koeffizienten) des PBI.
Ergebnisse: a) Die Praktikabilitätsprüfung machte deutlich, dass seitens der Pflegeberater zwar ein großes Interesse an Assessmentinstrumenten besteht, dass aber bestimmte Bereiche, insbesondere psychische Störungen, weniger zum Aufgabenfeld der individuellen Pflegeberatung gezählt wurden. Als Schwerpunkt der Beratungsgespräche wurde Leistungsberatung angegeben. Überdies wurde ein großer Schulungsbedarf geltend gemacht. b) Die Inhaltsvalidität des PBI wurde insgesamt als hoch eingeschätzt, mit Ausnahme einzelner Bereiche (u.a. Sucht, Prävention und Gesundheitsförderung). Zwischen einzelnen Expertengruppen zeigten sich systematische fachbezogene Unterschiede in der Bewertung der Relevanz der Inhalte. Schlussfolgerung: Das PBI wurde entsprechend den Ergebnissen modifiziert. Es eignet sich zum Einsatz bei komplexen Fallsituationen (und ggf. Case Management) in der individuellen Pflegeberatung und kann zu einer bedarfs- und bedürfnisgerechten Versorgung von pflegebedürftigen Menschen beitragen.
Beauftragt vom Zentrum für Qualität in der Pflege, Berlin