Samstag, 27.09.2014

08:30 - 10:00 Uhr

Melanchthonianum HS XV

Vorsitz: Aner, Kirsten (Kassel); Hedtke-Becker, Astrid (Mannheim)
Diskutant: Brandenburg, Hermann (Vallendar)

Möglichkeiten und Grenzen der Messung von Lebensqualität und Wohlbefinden in stationären Einrichtungen

Etwa ein Drittel aller Pflegebedürftigen nach dem Pflegeversicherungsgesetz lebt in Pflegeheimen, an welche u.a. hohe Auflagen an Art und Umfang der Leistungserbringung sowie an Qualitätssicherungsmaßnahmen gestellt werden. Bei letzteren geht es um die Erfassung, Beurteilung und Offenlegung der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Zur Ergebnisqualität kann nach geltender Einschätzung auch die „Lebensqualität und Zufriedenheit des Bewohners unter Berücksichtigung seiner Biographie und Lebensgewohnheiten“ (nach § 113 SGB XI) gezählt werden. Allerdings fordert die Erfassung von Lebensqualität Forschung und Praxis gleichermaßen heraus, da weder in den Sozialwissenschaften noch in Psychologie oder den Pflegewissenschaften ein Konsens darüber besteht, was unter Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden, insbesondere von älteren pflegebedürftigen Menschen, zu verstehen ist. Anders als bei der Messung und Bewertung objektivierbarer Indikatoren zur Messung von Ergebnis-, Struktur- und Prozessqualität sind eher subjektive Indikatoren wie Würde, Selbstbestimmung und vor allem Lebenszufriedenheit in stationären Kontexten deutlich schwieriger zu erfassen. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis aber, dass subjektives Wohlbefinden ein zentraler Indikator für erfolgreiches Alter ist, muss dessen Messung als unabdingbare Voraussetzung für interventionsgerontologische Maßnahmen angesehen werden. Eine flächendeckende und verlässliche Messung von subjektivem Wohlbefinden bei Personen im vierten Lebensalter, die in einer stationären Einrichtung wohnen, aus der sich dann interventionsgerontologische Maßnahmen ableiten lassen, ist allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht sichergestellt.
Im Rahmen dieses Symposiums soll daher ein Überblick über die jüngeren Forschungsaktivitäten zur Messung von Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden in stationären Kontexten gegeben werden. Dabei werden zum einen unterschiedliche Herangehensweisen an das Verständnis von Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden erörtert. Zum anderen sollen insbesondere die Praxistauglichkeit und die Möglichkeit der Ableitung von interventionsgerontologischen Maßnahmen im Fokus der Beiträge stehen.

08:30 Uhr

D. Engels
Otto-Blume-Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik e.V., Köln;

S401-01

Beurteilung von Lebensqualität in der stationären Altenhilfe – Indikatoren und Erhebungsmethoden

Die „Lebensqualität“ in der stationären Altenhilfe reicht über gesundheitliche oder im engeren Sinne pflegerische Gesichtspunkte hinaus und bezieht die gesamte Lebenslage von Heimbewohnern mit ein. Dazu gehören mentale Aspekte einer verlässlichen Orientierung in der objektiven Umwelt, die soziale Dimension der Kommunikation mit anderen und der gemeinsamen Tagesgestaltung, der emotionale Bereich der Persönlichkeit mit ihren Wünschen und Ängsten sowie der Umgebungs-aspekt der Wohn- und Versorgungsqualität. Die Aufgabe des Modellprojektes „Entwicklung und Erprobung von Instrumenten zur Beurteilung der Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe“ (BMG/BMFSFJ 2009-2011) bestand darin, Indi-katoren zu benennen, die diese Aspekte der Lebensqualität abbilden, und Instrumente zu entwi-ckeln, mit denen sich diese Qualität als Ergebnis des Handelns von Mitarbeitern messen lässt. Diese Instrumente wurden bundesweit in 46 Einrichtungen erprobt. Methodisch wurden sowohl das subjektive Wohlbefinden (durch eine Befragung von Bewohnern und Angehörigen) als auch das objektive Wohlergehen (durch Dokumentation der Mitarbeiter) er-mittelt. Bei den Befragungen war durch sorgfältige methodische Vorbereitung sicher zu stellen, dass die Bewohner nicht überfordert wurden oder Gefälligkeitsantworten gaben. Im Ergebnis wurden im Bereich „Wohnen und (hauswirtschaftliche) Versorgung“ 4 Indikatoren und im Bereich „Ta-gesgestaltung und soziale Beziehungen“ 10 Indikatoren ermittelt, mit denen wesentliche Bereiche der Lebensqualität in Heimen überprüfbar erscheinen. Am Ende der Projektlaufzeit wurden auch Überlegungen präsentiert, wie eine laufende Berichter-stattung über Lebensqualität in den Regelbetrieb der stationären Pflege überführt werden kann. Dabei erscheint es wichtig, nicht nur die gängigen pflegebezogenen Indikatoren, sondern auch die zum Teil neu entwickelten Indikatoren zur Lebensqualität einzubeziehen, da Aspekte der Atmo-sphäre in der Einrichtung und der Angebote zur Tagesgestaltung für Pflegebedürftige und ihre An-gehörigen ebenso wichtige Kriterien darstellen wie die Pflegequalität im engeren Sinne.

08:50 Uhr

F. Oswald; H.-W. Wahl1
AB Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.; 1 Abteilung für psychologische Alternsforschung, Psychologisches Institut, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg;

S401-02

INSEL - Ein Instrument zur praxisnahen Erfassung von Lebensqualität im stationären Kontext

Lebensqualität in Einrichtungen der stationären Altenhilfe gehört zu den zentralen Themen einer alternden Gesellschaft. Heime brauchen wissenschaftlich fundierte Instrumente, um die Sicherstellung hoher Lebensqualität bei vielfach sehr vulnerablen Menschen bewältigen zu können. Gleichzeitig dürfen die Instrumente den Heimkontext nicht überfordern und sollten die richtige Mischung von wissenschaftlichem Anspruch und Pragmatismus mitbringen. Hier setzt INSEL an, ein „Instrument zur praxisnahen Erfassung von Lebensqualität“, das in Zusammenarbeit zwischen der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung, der Abteilung für Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg und der Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Alternswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main entwickelt wurde. In diesem Beitrag wird die Entwicklung, Implementierung in die Pflegepraxis und Evaluation von INSEL als Beispiel für einen gelungenen Praxis-Wissenschaftsaustausch beschrieben. INSEL verfolgt das Ziel, sich umfassend der individuellen Lebenswirklichkeit von Heimbewohnern anzunähern, speziell deren Lebensqualität zu erfassen und in den Pflege- Wohn- und Lebensalltag im Heim zu übertragen. Im Rahmen von INSEL werden halb-strukturierte vis-a-vis Gespräche mit Bewohnern entlang von 12 Dimensionen von Lebensqualität geführt und dokumentiert. Diese beinhalten die eigene Person (z.B. Wohlbefinden, Würde, Religiosität), aber auch soziale, räumliche und institutionelle Aspekte (z.B. soziale Kontakte, Servicequalität, Unterstützung, Wohnkomfort). Den Interviews mit Bewohnern schließt sich ein moderiertes Gespräch unter Mitarbeitern zum jeweiligen Bewohner sowie die Ableitung von Maßnahmen für den Praxisalltag an. Mittlerweile wurde INSEL bei über tausend Personen in 21 Einrichtungen der Paul-Wilhelm von Keppler Stiftung eingesetzt. Berichtet werden u.a. Befunde aus 854 Interviews mit insgesamt über 41.000 Einzeläußerungen. Zudem liegen Ergebnisse aus zwei komplementären Evaluationsstudien vor. Maßgeblich für den Erfolg der Implementierung von INSEL waren seitens der Forschung die ausdauernden Bemühungen zur Entwicklung und Etablierung eines wissenschaftlich fundierten, ökonomisch anwendbaren und breit einsetzbaren Instruments, sowie seitens der Praxis eine hohe Bereitschaft zur langfristigen Implementierung von INSEL als leitbildtragendes Instrument im Pflegealltag, der Einsatz von Zeit- und Personalressourcen und Offenheit für die dialogische Entwicklung des Instruments.

09:10 Uhr

S. Baas; A. Hedtke-Becker1; M. Wolfinger2
Institut für sozialpädagogische Forschung, Mainz; 1 Fakultät für Sozialwesen, Hochschule Mannheim, Mannheim; 2 Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität der Bundeswehr München, München;

S401-03

MoMeL – Modellprojekt zur Messung der Lebensqualität in Pflegeheimen

Das vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien, Frauen und Senioren Baden-Württemberg geförderte MoMeL-Praxisforschungsprojekt geht der Frage nach, wie Lebensqualität und Wohlbefinden in Pflegeheimen erfasst und unterstützt werden kann. Beteiligt waren an diesem Projekt neben dem Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz und der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen auch die Träger stationärer Pflegeeinrichtungen, die sich im „Qualitätssicherungsverbund stationärer Pflegeeinrichtungen im Landkreis Heilbronn“ zusammengeschlossen haben. Wesentliche Ziele des Projekts sind die Entwicklung und Erprobung eines praxistauglichen Instruments zur Erfassung des subjektiven Wohlbefindens von HeimbewohnerInnen als Bestandteil von Lebensqualität und der anschließende Transfer in die alltägliche Arbeit im Pflegeheim. Um die enge Verzahnung von Forschung, Entwicklung und Praxis zu gewährleisten, wurde im Projekt eine lebensweltlich-hermeneutisch orientierte Herangehensweise unter Nutzung von qualitativen Forschungsmethoden gewählt. Mit Beachtung der Lebenswelt der Bewohner und ihrer Interaktionen wurde zugleich eine sozialarbeiterische Perspektive eingenommen, in welcher die Verantwortung für das Erreichen des Qualitätsziels „subjektives Wohlbefinden“ zu einer gemeinsamen Aufgabe von Mitarbeitenden, Angehörigen und Bewohnern selbst wird. Vor diesem Hintergrund konnte zur Bestimmung der Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden ein Modell entwickelt werden, in welchem 4 zentrale Themenkomplexe für das subjektive Wohlbefinden herausgearbeitet wurden: 1) Beziehungen mit Angehörigen, Mitarbeitenden und Mitbewohnern, 2) Selbstbestimmung, 3) Raum: den eigenen Raum und Körper gestalten und 4) Umgang mit Veränderungen. Diese Dimensionen wurden im Rahmen des Projekts mithilfe konkreter Fragen operationalisiert: Das MoMeL-Instrument ist so aufgebaut, dass die relevanten Informationen aus den vorhandenen Dokumentationen extrahiert werden können. Im Sinne einer Anregung für die Mitarbeitenden sind darüber hinaus dazugehörige Interventionsvorschläge in einer Handreichung niedergelegt.

entfällt

S. Becker
Institut Alter, Direktion Wirtschaft, Gesundheit, soziale Arbeit, Berner Fachhochschule, Bern/CH;

S401-04

H.I.L.DE. – Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen

Das H.I.L.DE. Instrument ist ein wissenschaftlich entwickeltes Beobachtungsinstrument, welches das subjektive Wohlbefinden demenzkranker Menschen - unabhängig vom Stadium ihrer Erkrankung - zum zentralen Kriterium macht. Mit Bezug auf das Modell der Lebensqualität von Lawton (1996) steht der Menschen mit Demenz und seine Kompetenzen im non-verbalen Ausdruck als zentrales Kommunikationsmittel im Mittelpunkt. In insgesamt fünf Dimensionen von Lebensqualität werden Beobachtungen durch die Bezugspflegeperson festgehalten und zu einem Profil der individuell realisierten Lebensverhältnisse in diesen zusammengetragen. Das Kernstück des H.I.L.DE.-Instruments stellen vier verschiedene Kompetenzgruppen dar, die sich aufgrund des jeweiligen Musters in drei demenzspezifischen Merkmalen (alltagspraktische Fähigkeiten, Kognition und Gedächtnis, psychopathologische Verhaltensauffälligkeiten) unterscheiden. Auf deren Grundlage wurden für diese Syndrom- bzw. Kompetenzgruppen normative Bewertungsmassstäbe als Referenzwerten entwickelt. Anhand dieser kann die individuelle Lebensqualität nicht nur beschrieben, sondern beurteilt werden. Das Profil der Lebensqualität zeigt Abweichungen von den Referenzwerten auf einfache Weise auf, die dann dem Pflegeteam als wichtige Hinweise zur Planung bedürfnisadäquater Massnahmen dienen. Die Anwendung von H.I.L.DE. sensibilisiert Pflegende und Betreuende dafür, wie individuell unterschiedlich und situationsspezifisch sich Menschen mit einer Demenz emotional ausdrücken und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Pflegequalität. H.I.L.DE. hat darüber hinaus auch die Entwicklung weiterer Instrumente angeregt. So bildet es die Grundlage für ein durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) angewendetes Verfahren in der Prüfung der Transparenzkriterien zu Demenz. In der Schweiz wurde basierend auf H.I.L.DE. ein Instrument zur Qualitätsbeurteilung und Benchmarking stationärer Langzeitpflegeeinrichtungen erarbeitet.