Mittwoch, 24.09.2014

11:00 - 12:30 Uhr

Melanchthonianum HS XV

Vorsitz: Haller, Miriam ( Köln ); Aner, Kirsten (Kassel)

Alter(n) und Ambivalenz

Ambivalenzen sind allgegenwärtig in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens. In Abgrenzung zur Konzeptualisierung von Ambivalenz in Harry Frankfurts Theorie von Willensfreiheit und Autonomie, in der Ambivalenz als Bedrohung von Autonomie oder „Krankheit des Willens“ verstanden wird, soll im geplanten Symposium Ambivalenz als analytisches oder heuristisches Konzept diskutiert werden, das zu einem vertieften Verständnis von Fragen des Alterns beizutragen vermag.
Altern selbst ist als ein zutiefst ambivalenzträchtiger Prozess zu verstehen, ist es doch einerseits unweigerliche Bedingung des Lebens an sich und wird mit der Hoffnung auf zunehmende Reife und Weisheit verknüpft. Andererseits wird es mit Ängsten vor Abbau, Abhängigkeit und negativen Zuschreibungen verbunden. Repräsentationen und Diskurse des Alters sind durch binäre Codierungen geprägt, da die Bedeutung von Alter durch den Gegensatz zur Jugend hervorgebracht wird. In der Dichotomie von Alt und Jung wird jedoch nicht nur Bedeutung hergestellt, sondern es sind darin Wertungen eingelagert, die beide Pole in eine hierarchische Beziehung zueinander setzen, in der Jugend höher bewertet wird als das Alter.
Die gesellschaftspolitischen Anforderungen an ältere Menschen, die insbesondere in den aktuellen Diskursen des aktiven und produktiven Alters formuliert werden, generieren ebenfalls Ambivalenzen, da sie neben Integrationsangeboten auch neue Ausschlüsse produzieren können. Ein weiterer Bereich, in dem Ambivalenzen im Zusammenhang mit unterschiedlichen Altersphasen auftreten, sind intergenerationelle Beziehungen, sowohl in der persönlichen als auch in der gesellschaftlichen Dimension. Auch biographische Übergänge wie der Auszug aus dem Elternhaus oder die Notwendigkeit der Pflege älterer Angehöriger können den Grund für Ambivalenzerfahrungen und die Notwendigkeit des Umgangs mit ihnen darstellen.
Das Symposium soll Gelegenheit bieten, theoretische Überlegungen und empirische Ansätze zur Untersuchung von Alter(n) und Ambivalenz ins Gespräch zu bringen.

11:00 Uhr

K. Lüscher; M. Haller1
Universität Konstanz,  Bern/CH; 1 Universität zu Köln,  Köln ;

S408-01

Ambivalenz als Konzept der Alter(n)sforschung: Skizze eines Orientierungsrahmens

Von Ambivalenzen in einem umgangssprachlichen Sinn ist in der Gerontologie häufig die Rede. Um nur einige Beispiele zu nennen: Sowohl Solidarität als auch Konflikt charakterisieren die Beziehungen zwischen alten und jungen Menschen; Großelternschaft wird als Bereicherung und Belastung geschildert; „Caring“ geht mit Fürsorge ebenso wie Kontrolle einher und in der „Rhetorik“ des Alters und Alterns stehen sich „Last und Lust“, Abwertung und Wertschätzung gegenüber.
Bei näherem Zusehen zeigt sich, dass mit Ambivalenz wesentlich mehr als nur die Erfahrung „gemischter Gefühle“ oder einander entgegengesetzter Kräfte der demographischen, sozialen und kulturellen Entwicklung analysiert werden können. Worin besteht nun der Gewinn, wenn mit einem elaborierten Verständnis des Konzepts gearbeitet und dieses systematisch-theoretisch verortet wird? Zu welchen anderen Begriffen bestehen „Familienähnlichkeiten“ und Verwandtschaften? Diesen Fragen wenden wir uns in unserem Referat zu.
In einem ersten Teil legen wir die Ergebnisse von Analysen aus der Diskursgeschichte des Konzepts der Ambivalenz vor. Wir legen dar, dass u. E. drei Elemente als konstitutiv für das Verständnis von Ambivalenz betrachtet werden können:
- Die Herausarbeitung von strukturellen Spannungsfeldern einander entgegengesetzter Kategorien bzw. Kräfte. (Differenzieren)
- Die zeitliche Dynamik eines „Hin-und-Her“ sowie eines „Vor-und-Zurück“ im Umgang mit Kontingenzen. (Vaszillieren)
- Die offene Suche nach Sinn und Bedeutung bezogen auf praktisches Handeln und dessen Orientierung. (Praktizieren).
Wir vertreten die These, dass das komplementäre Zusammenspiel dieser Elemente auf Prozesse der Umschreibung und Konstitution individueller und kollektiver Identitäten sowie ihrer kritischen Reflexion verweist ([Des-]Identifizieren und Resignifizieren). Das Konzept der Ambivalenz beinhaltet somit methodologische und theoretische, insbesondere auch anthropologische Aspekte und das macht es gerade in Bezug auf letztere für die gerontologische Arbeit attraktiv. - In einem zweiten Teil veranschaulichen wir diese Sichtweise mit Beispielen aus der Generationenforschung, der Altersidentitäts- und Altersdiskursforschung.

11:20 Uhr

A. Richter
Institut für Sozialwesen, Humanwissenschaften, Universität Kassel, Kassel;

S408-02

Alter – Ambivalenz – Agency. Zum Zusammenhang zwischen Ambivalenz und Handlungsfähigkeit in biografischen Erzählungen über das Alter(n)

Prozesse des Altwerdens sind geprägt durch widersprüchliche Repräsentationen des Alters und ambivalente soziale Strukturierungen der Lebensphase Alter. In meinem Beitrag möchte ich aus biorafietheoretischer Perspektive zeigen, wie auf subjektiver Ebene diese widersprüchlichen und teilweise abwertenden Zuschreibungen angeeignet, zurückgewiesen oder unterlaufen werden. Biografien bieten sich als operativer Ort der Untersuchung von Aneignungsprozessen deshalb an, weil sie als Zusammenspiel von sozialen Strukturen und kollektiven Regelsystemen einerseits und individuellen Sinnkonstruktionen andererseits zu verstehen sind. Sie werden im Akt des Erzählens hergestellt und sind von daher zu unterscheiden vom Lebenslauf als Chronologie von Ereignissen und Erfahrungen.
Anhand von unterschiedlichen kontrastierenden Fällen, die ich im Rahmen meines Forschungsprojekts analysiert habe, möchte ich zeigen, dass sich im Sprechen über das eigene Alter(n) starke Ambivalenzen finden und wie alternde Subjekte mit diesen Ambivalenzerfahrungen umgehen. Im Kontext der lebensgeschichtlichen Erzählung des jeweiligen Falles soll es dann möglich sein die Fra-ge zu beantworten, welche Bedeutung die jeweilige Strategie des Umgangs mit Ambivalenz für die Handlungsfähigkeit der einzelnen Person hat. Des Weiteren ist zu zeigen, wie die Erfahrung von Ambivalenz und der individuelle Umgang damit zusammenhängt mit kulturellen Repräsentationen des Alters, den sozialen Positionen der alternden Subjekte sowie ihren biographischen Selbstkon-struktionen. Wichtig ist dabei die grundlegende Annahme, dass sich die Erfahrung von Ambivalenz nicht per se positiv oder negativ auf die Handlungsfähigkeit oder das Selbstbild der Subjekte aus-wirkt. Es ist vielmehr die Art und Weise des Umgangs mit ambivalenten Erfahrungen oder Gefüh-len, die hier entscheidend ist. Dieser Umgang ist jedoch wie bereits angedeutet nicht frei wählbar, sondern abhängig von der sozial und kulturell strukturierten Biographie jeder Person.

11:40 Uhr

A. Münch
Universität Jena, Jena;

S408-03

Paradoxe Zeiten: Altern zwischen alltäglichem Zeitreichtum und biographischer Zeitarmut

In den modernen Gesellschaften sind ältere Menschen widersprüchlichen Zeitsignalen ausgesetzt. Auf der einen Seite erzeugt der Übergang in die nachberufliche Lebensphase ein deutlich gestiegenes Budget an Alltagszeit, das dafür sorgt, dass der Ruhestand in vielen Fällen mit dem Beginn einer langersehnten Freiheit assoziiert wird. Auf der anderen Seite entspricht der Übergang in die Posterwerbsphase aber auch einer Zäsur, die den Eintritt in die dritte Lebensphase markiert und an deren Schluss der institutionelle Marker der menschlichen Endlichkeit auf die zunehmende Verknappung der eigenen Lebenszeit verweist. Es drängt sich die Frage auf, welche Bedeutung diese paradoxe Zeiterfahrung im Alter für die Subjekte hat. Bisherige Forschungen zum Thema „Zeit im Alter“ stellen zumeist die Gestaltung der Alltagszeit in den Mittelpunkt des Interesses und verzichten auf eine Verknüpfung der Dimensionen von Alltags- und Lebenszeit. Die vorzustellende Studie greift dieses Forschungsdefizit daher auf und untersucht den individuellen Lebensverlauf von RuheständlerInnen mit Fokus auf das Zeithandeln der Subjekte. Forschungsleitend ist dabei insbesondere die Frage danach, wie die Menschen im Ruhestand mit der besagten Ambivalenz von alltäglichem Zeitreichtum und zunehmender biographischer Zeitarmut umgehen. Die methodische Umsetzung dieses Forschungsvorhabens erfolgt anhand problemzentrierter Interviews mit Älteren zwischen 60 und 90 Jahren, die nach dem Prinzip der Grounded Theory ausgewertet werden.
Auch wenn der Prozess der Theoriegenese noch relativ weit am Anfang steht, so verweisen erste Analysen bereits jetzt auf die besondere Bedeutung des individuellen Zeitstils, den die älteren und alten Menschen im Spannungsfeld von Zeitreichtum und Zeitarmut entwickeln. Gesellschaftliche Zeitregime beeinflussen dabei den jeweiligen Zeitstil über den individuellen Lebensverlauf hinweg und eröffnen eine Bandbreite an Umgangsformen mit der alltags- und lebenszeitlichen Ambivalenz des Alter(n)s, die zwischen Zeitpanik und erfülltem Zeitgenuss zu changieren scheint und im Rahmen des Symposiums beim Kongress der DGGG genauer entfaltet werden soll.

12:00 Uhr

T. Küpper
Universität Düsseldorf, Düsseldorf;

S408-04

„almost the same, but not quite“. Zur Ambivalenz von Altersmimikry

Umstritten ist, inwieweit beispielsweise in Europa derzeit die Werte und Vorgaben des ‚mittleren Lebensalters‘ generalisierend auf spätere Altersstufen übertragen werden: Wenn etwa von den ‚Jungen Alten‘ erwartet wird, dass sie ‚noch aktiv‘, ‚noch produktiv‘, ‚noch leistungsfähig‘ sind, werden dann Normen des ‚mittleren Alters‘ auch den Älteren zugemutet und als allgemeingültig ausgegeben? Oder kommt es zu Ambivalenzen – werden die Wertmaßstäbe des ‚mittleren Alters‘ möglicherweise nicht nur untermauert, sondern zugleich auch unterminiert, sowohl bejaht als auch verneint? Solche Ambivalenzen geraten in den Blick, wenn man sich in den Aging Studies von Homi K. Bhabhas Begriff „colonial mimicry“ anregen lässt und analog dazu von „Altersmimikry“ spricht. Bhabha sieht die Ambivalenz der „colonial mimicry“ darin, dass die kolonialisierten Anderen im Verhältnis zum Kolonialherrn erscheinen als „fast dieselben, aber nicht ganz“ („almost the same, but not quite“). Damit ist Mimikry nicht nur Angleichung, sondern auch Abweichung, die – wie ein Zerrbild – die Identitätssetzungen der Kolonialherren in Frage stellen und bedrohlich wirken kann. Analog dazu wäre zu fragen, ob die ‚Jungen Alten‘ nicht die Geltung der Normen von Aktivität und Produktivität aus dem ‚mittleren Lebensalter‘ bestärken und gleichzeitig abschwächen, wenn sie ‚fast, aber nicht ganz‘ diesen Vorgaben folgen. Im Vortrag soll diese Art der Ambivalenz näher herausgearbeitet und an Beispielen illustriert werden.