Mittwoch, 24.09.2014

15:30 - 17:00 Uhr

Melanchthonianum HS XVI

Vorsitz: Messer, Melanie (Bielefeld); Hämel, Kerstin (Bielefeld)

Partizipation in der Primärversorgung im Alter: Anforderungen und Gestaltungsoptionen in der Versorgungspraxis aus Sicht älterer Menschen und professioneller Akteure

15:30 Uhr

M. Messer
AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld;

S235-01

Partizipation trotz Alter/Pflegebedürftigkeit?! Eine Analyse aus Perspektive professioneller Akteure im Gesundheitswesen

Hintergrund/ Ziel: Das Bild des aktiven, mündigen Bürgers ist in der aktuellen Gesundheitsdebatte allgegenwärtig. Im Mittelpunkt der Bestrebungen steht das Recht des Patienten auf Partizipation an seiner gesundheitlichen Versorgung. Doch was geschieht mit den Bestrebungen nach Partizipation, wenn mit dem Alter auch chronische Krankheit und Pflegebedürftigkeit Einzug in das Leben von Patienten erhalten? Hier liegt eine besondere Verantwortung bei den Gesundheitsprofessionen, auch älteren Patienten Partizipation zu ermöglichen und entsprechende Prozesse im Versorgungsalltag einzuleiten. Hieran anknüpfend wird zunächst die Frage in den Blick genommen, wie die Gesundheitsprofessionen Partizipation konzeptionalisieren und wo hier Überschneidungen aber auch Unterschiede zu finden sind. Darauf aufbauend wird am Beispiel der ambulanten Pflege die Sicht der Gesundheitsprofession auf die Möglichkeiten und Grenzen zur Partizipation von Menschen mit Pflegebedarf in der Versorgungspraxis beleuchtet.
Methodisches Vorgehen: Grundlage für die Analyse professionsspezifischer Partizipationskonzepte ist eine umfassende Literaturanalyse, die den Zeitraum 1960 bis 2013 umfasst. Darüber hinaus wurden qualitative Interviews mit Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste geführt und fallübergreifend ausgewertet.
Ergebnisse: Die empirische Analyse richtet sich auf die kollektive Sicht Pflegender, denen für die Anbahnung von Partizipation in der ambulanten Versorgungspraxis eine besondere Bedeutung zukommt. Im Fokus stehen dabei bestehende Möglichkeiten und Begrenzungen für eine partizipative Versorgungsgestaltung. So sehen sich Pflegende teilweise massiven Zielkonflikten ausgesetzt und kritisieren das eigene Qualifikationsdefizit. Weitere erste Ergebnisse werden im Rahmen des Kongresses präsentiert.
Schlussfolgerung: Die äußerst vulnerable Patientengruppe älterer, pflegebedürftiger Menschen ist häufig nicht (mehr) in der Lage ihr Recht auf Teilhabe aktiv einzufordern. Umso bedeutsamer ist es auch die Gesundheitsprofessionen und deren Anbahnungsstrategien und die Hürden im Prozess in den Fokus zu rücken.

15:50 Uhr

K. Hämel; M. Ewers1; D. Schaeffer
AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld, Bielefeld; 1 Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Charité - Universitätsmedizin Berlin , Berlin ;

S235-02

Primärversorgungszentren in Finnland und Ontario/Kanada - Ansätze für eine nutzerorientierte Versorgung im Alter und bei chronischer Krankheit

Hintergrund: Im Alter gehäuft auftretende chronische Krankheiten und Funktionseinschränkungen haben meist komplexen Charakter und machen daher Versorgungskonzepte erforderlich, die umfassende, aufeinander abgestimmte und ineinander greifende Hilfen beinhalten. International hat dazu eine intensive Debatte zur Ausgestaltung der Versorgung stattgefunden, die u.a. die Stärkung von Primary Health Teams, Gesundheitszentren und Community Health Centres und ihre Ausrichtung auf die Versorgung älterer Menschen mit komplexen Bedarfslagen befördert hat. Im Rahmen eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten und an der Universität Bielefeld in Kooperation mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführten Forschungsprojekts (DiVer) wurden solche Ansätze und aktuelle Entwicklungen in Finnland und Ontario/Kanada analysiert.
Methode: Auf Basis einer Literatur- und Dokumentenanalyse sowie von leitfadengestützten Experteninterviews wurden Ziele und Elemente der Versorgung in Primärversorgungszentren in Finnland (Kommunale Gesundheitszentren) und Ontario/Kanada (Familiy Health Teams, Community Health Centres) herausgearbeitet.
Ergebnisse: Basierend auf dem Anspruch, eine umfassende und integrierte Versorgung zu leisten, sind die lokalen Versorgungszentren multiprofessionell ausgerichtet und zeichnen sich durch eine gleichrangige, teamorientierte Arbeitsweise aus. Nutzerorientierung und Partizipation wird hoher Stellenwert beigemessen. Sie findet Ausdruck in einer kontinuierlichen, am Case Management ausgerichteten persönlichen Begleitung. Zur Stärkung der Nutzerkompetenz wurden überdies flankierende Programme zur Gesundheitsinformation und –bildung, Selbstmanagementförderung und zum Empowerment entwickelt und in die Regelversorgung integriert.
Schlussfolgerungen: Die lokalen Versorgungszentren versuchen durch gezielte organisatorische Integration umfassende Versorgungsleistungen nutzerorientiert vorzuhalten. Abschließend wird diskutiert, welche Perspektiven sich daraus für die Weiterentwicklung der Versorgung in Deutschland ergeben können.

16:10 Uhr

D. Vogt
Universität Bielefeld, Bielefeld;

S235-03

Health Literacy bei älteren Menschen in Deutschland

Hintergrund
Menschen im höheren Lebensalter weisen im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen häufiger ein problematisches Health Literacy-Niveau auf. Es fehlt ihnen an Fähigkeiten und Kompetenzen Informationen zu ihrer gesundheitlichen Situation zu finden und diese zu verstehen. Dadurch fällt es ihnen besonders schwer sich in die Gestaltung ihrer Versorgung einzubringen. Während diese Erkenntnisse bereits durch internationale Untersuchungen belegt werden konnten, bestehen in Deutschland zum Health Literacy-Niveau bei älteren Menschen noch weitreichende Forschungsdesiderate.
Methode
In einer Querschnittsbefragung wurde daher das Health Literacy-Niveau älterer Menschen ab 65 Jahren – in Anlehnung an den European Health Literacy Survey – ermittelt. Erste Ergebnisse, wie sich das Health Literacy-Niveau im Alter (65-80 Jahre) darstellt und in welcher Altersabstufung/-gruppe die höchste Prävalenz eingeschränkter Health Literacy zu verzeichnen ist, werden in diesem Vortrag dargestellt. Darauf aufbauend soll aufgezeigt werden, wie das Health Literacy-Niveau mit weiteren Faktoren, wie dem Gesundheitsverhalten, selbsteingeschätztem Gesundheitszustand und der Inanspruchnahme gesundheitlicher Dienstleistungen von älteren Menschen korreliert.
Ergebnisse und Diskussion
Die Ergebnisse der Befragung liefern wichtige Erkenntnisse zur Verbesserung der bislang defizitären Datenlage über Health Literacy bei älteren in Deutschland und dienen als Grundlage für die Entwicklung zielgruppenspezifischer Konzepte zur Förderung der Gesundheits- und Selbstmanagementkompetenz bei älteren und alten Menschen.

16:30 Uhr

A. Horn
AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Bielefeld;

S235-04

Beratung von Menschen mit türkisch- und russischsprachigem Migrationshintergrund

Hintergrund: Menschen mit Migrationshintergrund sind in Deutschland erst seit einiger Zeit im Blick der gesundheits- und pflegewissenschaftlichen Diskussion. Im Einklang damit wurde das Gesundheits- und Nutzungsverhalten dieser Bevölkerungsgruppe lange Zeit kaum thematisiert und untersucht. Inzwischen zeigen eine ganze Reihe an Studien, dass der Zugang zur gesundheitlichen Versorgung besonders für ältere Menschen mit Migrationshintergrund durch zahlreiche Barrieren erschwert ist, seien es Sprachbarrieren, Wissenslücken oder sozio-kulturelle Hürden. Seit 2011 hält die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD gGmbH) ein spezielles Beratungsangebot für MigrantInnen bereit. Das Angebot richtet sich an türkisch- und russischsprachige Ratsuchende, die von muttersprachlichen BeraterInnen beraten werden. Um Erkenntnisse über die Akzeptanz und Nutzung des neuen Beratungsangebots zu gewinnen und Hinweise zur Verbesserung zu erhalten, wurde eine Evaluation durchgeführt.
Methode: Die Evaluation umfasste folgende methodische Schritte: Eine Recherche auf der Basis nationaler und internationaler Literatur zum Stand der Forschung, eine empirische Untersuchung, bestehend aus einer Dokumentenanalyse, Experteninterviews mit BeraterInnen und Interviews mit (potenziellen und realen) NutzerInnen.
Ergebnisse: Auf der Grundlage des Datenmaterials wurde die Sichtweise der befragten ExpertInnen auf die sozialen, lebensweltlichen und kulturellen Bedingungen von MigrantInnen dargestellt. Zudem konnten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich die Motive und Anlässe der Nutzung der Patientenberatung für MigrantInnen ausnehmen und welche Faktoren die Zugänglichkeit/Erreichbarkeit der Nutzergruppe verbessern können.
Diskussion: Die Ratsuchenden, so hat die Evaluation gezeigt, sind mit dem Angebot zufrieden und erhalten in den Beratungsstellen eine Beratung, die den Besonderheiten ihres Bedarfs Rechnung trägt. Anhand der Ergebnisse können Empfehlungen für eine (Weiter-)Entwicklung von Beratungsstellen ausgesprochen werden, um die zielgruppenspezifische Patientenberatung weiter zu profilieren und die Partizipation von MigrantInnen zu stärken.