Keynote-Vortrag

Freitag, 26.09.2014

10:00 - 10:45 Uhr

Audimax HS XIII

Vorsitz: Münzer, Thomas (St. Gallen/CH)

Sturzfrei mit Kopf und Fuss – neue Ansätze zur Sturzprävention

Reto W. Kressig
Reto W. Kressig

„Dadurch lässt sich Demenz nicht verhindern, aber ihr Verlauf verlangsamen“

Veränderungen im Gangbild können erste Zeichen für eine Demenz sein. Bislang wurden sinkende Fitness, Stürze und andere Motorikprobleme schlicht als Zeichen von Gebrechlichkeit gewertet. Doch neue Forschungen zeigen überraschende Zusammenhänge auf, erläutert Prof. Dr. Reto Werner Kressig, Universität Basel, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle (Saale). In seiner Keynote-Lecture „Sturzfrei mit Kopf und Fuß – Neue Ansätze zur Sturzprävention“ spricht er am dritten Kongresstag darüber, was Veränderungen im Gang eines Patienten mit einer möglichen Demenzerkrankung zu tun haben.

Steigende Gangvariabilität signalisiert erhöhtes Demenzrisiko
„Das Gehirn vollbringt nicht nur intellektuelle Leistungen, sondern steuert auch motorische Prozesse“, sagt Kressig. Bei Ganganalysen mithilfe eines Teppichs, der über Sensoren kleinste Abweichungen zwischen den Schritten festhält, stellte sich heraus: Je stärker die Abweichungen, desto höher das Sturzrisiko des Patienten in den kommenden Monaten. Stieg die Gangvariabilität, wenn die Patienten bei der Untersuchung gleichzeitig kognitive Aufgaben lösen mussten, war zusätzlich die Wahrscheinlichkeit, dass die Person an Demenz erkrankte höher.

„Ich bin daher der Meinung, dass zur Demenzfrüherkennung nicht nur die Hirnleistung gemessen, sondern auch motorische Veränderungen untersucht werden sollten“, so der 53 Jahre alte Schweizer. „Ein Blick auf den Gang des Patienten liefert vielleicht sogar früher Hinweise als die üblichen Verfahren. Dadurch lässt sich eine Demenz zwar nicht verhindern, aber ihr Verlauf verlangsamen.“

Tanzend das Gehirn trainieren
Um den Verlauf einer Demenz positiv zu beeinflussen setzt der Chefarzt für Geriatrie am Felix-Platter-Spital in Basel besonders auf den Effekt von Bewegung. Insbesondere T’ai Chi, Tanzen und die klavierbegleitete Dalcroze-Rhythmik – auch bekannt als Eurythmie – fördern motorisch-kognitive Fähigkeiten. „Es geht dabei um spontane Reaktionen und gute Körperbeherrschung“, lobt Kressig den positiven Effekt von Eurythmie. Sogar liegende Patienten würden an den Kursen, die in Basel mittlerweile in allen Seniorenheimen angeboten werden, begeistert teilnehmen. „Es ist erstaunlich, wie selbst schwerstkranke Patienten es genießen, sich zur Musik zu bewegen.“

Eine Studie ergab, dass das Sturzrisiko um 50 Prozent sank, wenn die Patienten sechs Monate lang einmal pro Woche am Kurs teilnahmen. „Wir müssen bei der Therapie umdenken“, ist sich Kressig sicher. „Es geht nicht um die magische Pille, sondern darum, mit spezieller Bewegungskontrolle den Menschen zu helfen.“

Zur Person:
Prof. Dr. Reto Werner Kressig hat in Zürich studiert, bevor er 2005 an der Universität Genf habilitierte. Seit 2006 ist er Extraordinarius und Chefarzt für Geriatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. Gleichzeitig leitet er das am Universitätsspital und am Felix-Platter-Spital beheimatete Universitäre Zentrum für Altersmedizin. Zudem lehrt er als außerordentlicher Professor für Gerontologie an der Universität Luxemburg.

Jahreskongress der DGG und DGGG in Halle (Saale)
24. bis 27. September 2014

Keynote-Lecture von Prof. Dr. Reto Werner Kressig: Freitag, 26.09., 10:00 bis 10:45 Uhr