Keynote-Vortrag

Freitag, 26.09.2014

14:30 - 15:15 Uhr

Audimax HS XIII

Vorsitz: Becker, Stefanie (Bern/CH)

Wie wir zu Gerontologen werden könnten

Mike Martin
Mike Martin

„Gerontologie könnte zur Leitdisziplin der Gesundheitsforschung werden“

Bisher ist die Gerontologie eng verknüpft mit der Geriatrie und Teilgebiet vieler Disziplinen. Eine eigenständige Disziplin ist sie jedoch nicht. Warum dies längst überfällig ist, das erläutert Prof. Dr. Mike Martin, Universität Zürich, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle (Saale). In seiner Keynote-Lecture „Wie wir Gerontologen werden könnten“ spricht er am dritten Kongresstag darüber, welche Schritte unternommen werden müssen – und welche Chancen sich hierdurch eröffnen könnten.

Gesundheit als dynamischer Prozess
„Es gibt verschiedene Meinungen dazu, ob Gerontologie eine eigene Disziplin ist oder Teil von vielen anderen Disziplinen sein soll“, sagt Martin. Er ist überzeugt: „Ja, sie ist eine eigene Disziplin. Aber zurzeit fehlt noch ein eigenständiger theoretischer Ansatz und eine eigenständige Methodik.“

Um dies zu erreichen, fordert der Ordinarius für Gerontologie und Gerontopsychologie an der Universität Zürich mehr Anstrengungen in der Grundlagen- und Anwendungsforschung. Aber auch Lehre und Ausbildung sieht er in der Pflicht: „Besonders auf der Doktoratsstufe müssen Qualität und Umfang der Lehr- und Ausbildungsinhalte verbessert werden.“

Als Ziel sieht Martin den Aufbau einer eigenständigen Disziplin der sogenannten „funktionalen Gerontologie“ – die Gesundheit nicht als einen Status, sondern einen dynamischen Prozess betrachtet. Der Blick solle dabei weggehen von Faktoren, die Krankheit begünstigen, hin zu Faktoren, die Gesundheit bewahren.

Einzelprognosen statt Mittelwerte
„80 Prozent der älteren Bevölkerung schafft es, ihre Gesundheit stabil zu halten“, erklärt der Züricher. „Es ist überfällig, im Detail zu betrachten, welche emotionalen, kognitiven und motorischen Faktoren da hineinspielen.“

Klassische Studienansätze mit ihren Mittelwerten und Wahrscheinlichkeitsprognosen sind hierfür nur von begrenztem Nutzen. „Was zur Stabilisierung beiträgt, hängt von individuellen Voraussetzungen, Aktivitäten und Entscheidungen ab“, so der 49-Jährige. „Wir vergessen zu oft: Jeder entscheidet selbst, wie viel er für seine Gesundheit tun will.“

Im Zuge des demographischen Wandels müsse die Alternsforschung überdacht und neu definiert werden. „Jetzt bietet sich uns eine hervorragende Gelegenheit, Gerontologie zur Leitdisziplin der gesamten Gesundheitsforschung zu machen“, ist Mike Martin überzeugt. „Wenn wir jetzt investieren, können wir sehr viel erreichen. Es ist noch nicht zu spät, aber höchste Zeit!“

Zur Person:
Prof. Dr. Mike Martin hat in Mainz und Georgia (USA) studiert, bevor er 2001 an der Universität Heidelberg habilitierte. Seit 2002 ist er Ordinarius für Gerontologie und Gerontopsychologie an der Universität Zürich, gleichzeitig Direktor des dortigen Zentrums für Gerontologie und Geschäftsführer des universitären Forschungszentrums „Dynamik Gesunden Alterns“.

Zusätzlich bekleidet er zahlreiche Ehrenämter: Unter anderem ist Martin Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (SGG) sowie Vizepräsident des Wissenschaftspolitischen Rats der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften (SAGW).

Jahreskongress der DGG und DGGG in Halle (Saale)
24. bis 27. September 2014

Keynote-Lecture von Prof. Dr. Mike Martin: 26.09.14, 14:30 bis 15:15 Uhr