Interdisziplinäre Veranstaltung

Freitag, 26.09.2014

11:00 - 12:30 Uhr

Audimax HS XXII

Vorsitz: Thiesemann, Rüdiger (Wuppertal)
Diskutant: Aner, Kirsten (Kassel)

Schmerz im Alter

Zu einer umfassenden Beschreibung, der Analyse eines interdisziplinären Gesundheitsproblems von Menschen in höherem Lebensalter bedarf es gemeinsamer Anstrengungen im Hinblick auf das zu Beschreibende. Der Themenbogen dieses Symposiums umfasst sowohl die Anatomie von freien schmerzleitenden Nervenendigungen, die Probleme der medikamentösen Therapie und der spezialisierten Schmerztherapie bei Senioren und der Betrachtungswinkel der Humanwissenschaften. Deren Ansatz beschreibt, dass Schmerzvorstellungen älterer Menschen einen weiteren Betrachtungs-Horizont ermöglichen - nämlich dass Schmerz „die doppelte Statur eines in den Körper eingeschriebenen Leid- und Erfolgsindikators“ hat und ist eben nicht Krankheit sei. Dieses wird vor dem Hintergrund diskutiert, dass schmerztherapeutische oder orthopädische Versorgungspfade zur Chronifizierung von „Schmerzkarrieren“ beitragen können. In der „deutschen Schmerztherapie-Gemeinschaft“ werden humanwissenschaftliche Konklusionen zur Untersuchung orthopädischer Pfade von Schmerzpatienten als „schockierende Schlussfolgerungen“ wahrgenommen. Dieses Interdisziplinäre Symposium möchte bestimmte Aspekte von Schmerzen und Schmerzerleben sowohl aus der Sicht der Biologie, der klinischen Medizin im Alter, der Pharmakologie und der Humanwissenschaften darstellen und zu einer interdisziplinären Diskussion und zum Streitgespräch über Konzepte einladen.

11:00 Uhr

Prof. Dr. Faramarz Dehghani
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Anatomie und Zellbiologie

S004-01

Neurobiologie des Schmerzes

Schmerz ist ein Kardinalsymptom zahlreicher Erkrankungen und ein Warnsignal für die bevorstehende Gewebeschädigung. Sowohl im pflegerischen als auch in den medizinischen Berufen werden die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Schmerzentstehung und ihre Wahrnehmung nur in geringem Umfang gelehrt. Die Anatomie von Nozizeptoren verschiedener Gewebetypen und Prozesse der Schmerzweiterleitung und Schmerzperzeption werden dargestellt. Sie sollen helfen, nachzuvollziehen, welche Mechanismen bei der Schmerzentstehung eine Rolle spielen und welche Möglichkeiten der Unterbrechung und/oder Beeinflussung der Schmerzreize zur Verfügung stehen.

11:20 Uhr

PD Dr. Heinrich Burkhardt
Universität Heidelberg Universitätsklinikum Mannheim, IV. Medizinische Klinik Schwerpunkt Geriatrie

S004-02

Analgetika-Therapie bei Senioren

Aufgrund der zunehmenden Prävalenz chronischer Schmerzen, insbesondere muskuloskeletal bedingter, kommt es bei vielen ältern Patienten zu einer längerfristigen oder andauernden Medikation mit Analgetika. Da aber die Raten für unerwünschte Wirkungen in dieser Medikamentengruppe besonders hoch (bis zu 30%) und viele Senioren einschlägig vulnerabel sind, stellt die Analgetikatherapie hier ein erhebliches Problem dar. Der Vortrag gibt eine aktuelle Bewertung dieser Problematik und versucht Lösungsansätze aufzuzeigen.

11:40 Uhr

Dr. Rüdiger Thiesemann
Krankenhaus St. Josef Wuppertal, Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie und Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten-Herdecke

S004-03

Interdisziplinäre Schmerztherapie für Senioren in einer anästhesio-algesiologischen Klinik – Praxisbezogene Aspekte und Forschungshintergründe

Senioren sind in der europäischen und deutschen Schmerzforschung unterrepräsentiert. Die methodischen Aspekte der Schmerzforschung im Alter zeigen, dass eklatant wenig Übereinstimmung sogar bei den grundlegenden Beschreibungen der Prävalenz von Schmerz im Alter vorliegt. Multizentrische Befragungen von Bevölkerungsgruppen oder Auswertungen von Schmerz-Datenbanken zeigen einen Seniorenanteil von drei bis vierzehn Prozent, was erheblich von realen Versorgungsaspekten abweicht. In diesem Vortrag werden die Faktoren der Interdisziplinarität und die Unterschiede zwischen Geriatrie und einer anästhesio-algesiologischen Klinik im Hinblick auf den Versorgungs-Prozess behandelter Senioren dargestellt.

12:00 Uhr

Dr. Stefan Dreßke, Teslihan Ayalp
Universität Kassel Fachbereich HumanwissenschaftenDr. Stefan DreßkeTeslihan Ayalp

S004-04

Schmerzbiographien und Schmerzerfahrungen hochaltriger Menschen

Schmerz ist ein großes gesundheitspolitisches, damit ein öffentliches Thema geworden. Schmerz wird inzwischen als „chronischem Schmerz“ ein eigener Krankheitswert zugewiesen und als „Volkskrankheit“ zum Gegenstand von medizinischen Spezialisten gemacht.

Für Hochbetagte, also Geburtskohorten, die den zweiten Weltkrieg erlebt haben, gelten allerdings noch die älteren Schmerzvorstellungen, wonach Schmerzen zum Leben dazu gehören. Schmerzen bedeuten kollektiv geteilte Verlust- und Leidenserfahrungen, sie bedeuten aber auch, dass schwierige Episoden durchstanden und gemeistert wurden. Schmerz hat die doppelte Statur eines in den Körper eingeschriebenen Leid- und Erfolgsindikators und ist eben nicht Krankheit. Sie erinnern aber an Vergänglichkeit und machen Gebrechlichkeit und abnehmende Alltagsfähigkeit bewusst.

Interviews mit geriatrischen Patienten zeigen, dass Schmerzen im Alltag normalisiert und relativiert werden. Die Schmerzaufmerksamkeit verschwindet hinter sinnvoll erfahrener Körpernutzung, der Organisation von Autonomie und von sozialen Bindungen, insbesondere durch den Wunsch nach selbstständiger Lebensführung. Aus diesem Grund wird Schmerz erst dann zum Problem, wenn Identitäten, Aktivitäten und Sinndeutungen nicht mehr aktualisiert werden.

Berichtet werden Ergebnisse aus einer DFG-geförderten Studie zur Schmerzversorgung. Durchgeführt wurden teilnehmende Beobachtungen und Patienteninterviews in zwei geriatrischen Krankenhausstationen und in einer geriatrischen Tagesklinik.

 

Diskutantin
Prof. Dr. Kirsten Aner, Institut für Sozialwesen, Universität Kassel