Freitag, 26.09.2014

11:00 - 12:30 Uhr

Melanchthonianum HS XV

Vorsitz: Pfeiffer, Klaus (Stuttgart)
Diskutant: Wahl, Hans-Werner (Heidelberg)

Neues aus der Forschung mit pflegenden Angehörigen

Im Symposium werden vier aktuelle Forschungsarbeiten aus dem Themenfeld „Häusliche Pflege“ vorgestellt. Bislang ist der Wissensstand über die Lebenslangen und Unterstützungsbedarfe älterer pflegebedürftiger Menschen mit Migrationshintergrund gering. Der erste Beitrag gibt einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung, bisherige Handlungsansätze sowie zukünftige Herausforderungen. Der zweite Beitrag beleuchtet die Zusammensetzung von informellen und professionellen Pflege- und Betreuungsleistungen anhand von Daten, die über drei Jahre bei einer Interventionsstudie mit pflegenden Angehörigen von Schlaganfall-Patienten erhoben wurden. Die mobile Demenzberatung stellt eine neue, insbesondere für den ländlichen Raum relevante Form der niederschwelligen, interdisziplinären Beratung dar. Im dritten Beitrag werden am Beispiel eines Modellprojekts diesbezügliche Beratungsbedarfe und Nutzungsverhalten präsentiert und  entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet. Kommunikationsprobleme können wesentlich zum subjektiven Belastungserleben pflegender Angehöriger von demenziell Erkrankten beitragen. Im letzten Vortrag wird das Konzept eines Kommunikationstrainings für pflegende Angehörige von Demenzkranken vorgestellt und erste Ergebnisse einer Pilotstudie diskutiert.

11:00 Uhr

E. Olbermann; A. Drewniok  
Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.V., Institut für Gerontologie an der TU Dortmund, Dortmund;

S406-01

Pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund: Forschungsstand, Handlungsansätze und Entwicklungsperspektiven

Ältere Menschen mit Migrationshintergrund gehören zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsruppen in Deutschland. Viele ältere zugewanderte Menschen haben aufgrund besonders belastender Lebens- und Arbeitsbedingungen ein erhöhtes Erkrankungs- und Pflegebedürftigkeitsrisiko. In den nächsten Jahren ist somit von einer deutlich steigenden Zahl älterer pflegebedürftiger Menschen mit Migrationshintergrund auszugehen.  
Ältere Pflegebedürftige werden in vielen Migrantengruppen noch häufiger als bei Einheimischen zu Hause von ihren Familienangehörigen versorgt. Veränderungen in den Familienstrukturen, zunehmende Berufstätigkeit bzw. Berufstätigkeitswünsche jüngerer Migrantinnen und räumliche Entfernungen der Familienmitglieder dürften aber auch die Pflegemöglichkeiten innerhalb der Migrantenfamilien zunehmend beeinträchtigen. Gleichzeitig gibt es erhebliche Zugangs- und Nutzungsbarrieren bezüglich der Angebote der Altenhilfe und Pflege.  Informationsdefizite,  Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, kulturelle Unterschiede, Vorbehalte und Vorurteile bis hin zu Diskriminierungserfahrungen tragen dazu bei, dass die Inanspruchnahme von Angeboten der Regelversorgung, insbesondere im Bereich der Altenhilfe und Pflege, gering ist. Insgesamt ist somit von einem hohen Risiko der Überforderung der familiären Netzwerke und einer unzureichenden Unterstützung und Versorgung mit zunehmender Hilfe- und Pflegebedürftigkeit auszugehen. Dies gilt in besonderem Maße für die Pflege demenzerkrankter älterer Menschen mit Migrationshintergrund.  
In der Fachliteratur werden ältere Pflegebedürftige und pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund als „vernachlässigte Gruppe“ betrachtet. Das Wissen über ihre Lebenslagen und Unterstützungsbedarfe wird eher als gering eingeschätzt. Der Beitrag gibt einen Überblick über den diesbezüglichen Stand in Forschung und Praxis. Grundlage hierfür sind eine Literaturanalyse und Recherchen zu zielgruppenspezifischen Unterstützungsangeboten und Handlungsansätzen. Weitergehende Forschungsfragen und Handlungserfordernisse werden diskutiert.

11:20 Uhr

D. Klein; C. Becker1; M. Hautzinger2; K. Pfeiffer
Klinik für Geriatrische Rehabilitation, 1 Forschungsabteilung der Geriatrischen Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart; 2 Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychologisches Institut, Eberhard Karls Universität Tübingen, Tübingen; $ Klinik für Geriatrische Rehabilitation, Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart;

S406-02

Pflegezeiten und Dienstleistungsinanspruchnahme bei pflegenden Angehörigen von Schlaganfallbetroffenen

Über 70% (1,76 Mio.) der Pflegebedürftigen werden in Deutschland zu Hause versorgt. Von diesen erhalten ca. 2/3 Hilfe und Pflege ausschließlich durch Angehörige, Freunde oder Bekannte, ca. 1/3 erhalten zusätzlich oder ausschließlich professionelle ambulante Unterstützung. Angehörige nehmen also eine tragende Rolle im Versorgungssystem ein. Diese Pflege- und Unterstützungsleistungen können jedoch oft zu physischen und psychischen Belastungen führen. Insbesondere pflegende Angehörige von Schlaganfall-Betroffenen zählen aufgrund der plötzlich eintretenden Schwierigkeiten in Mobilität, Körperpflege und Kommunikation sowie kognitiver Einschränkungen, Depression u.a., zu den besonders belasteten Gruppen. Im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie wurde von 2007 bis 2010 im Großraum Stuttgart eine telefongestützte verhaltenstherapeutische Intervention zur Entlastung pflegender Angehöriger von Schlaganfallbetroffenen durchgeführt. Hinsichtlich der Endpunkte Depressivität, körperliche Symptome und Freizeitzufriedenheit wurden signifikante Effekte nachgewiesen. In diesem Beitrag werden die, neben den psychosozialen Maßen, erfassten Versorgungsdaten betrachtet. Hierbei handelt es sich um (1.) Art und Umfang der geleisteten Unterstützung der pflegenden Angehörigen, (2.) Art und Umfang der Unterstützung aus den sozialen Netzwerken sowie (3.) die Inanspruchnahme professioneller Dienstleistungen. Neben der deskriptiven Betrachtung werden Veränderungen während des Studienverlaufs nach drei und zwölf Monaten dargestellt und der Einfluss der verhaltenstherapeutischen Intervention erörtert. Abschließend werden die Schwierigkeiten der Erfassung von Unterstützungsleistungen aber auch die zugrunde liegenden Potentiale, insbesondere hinsichtlich gesundheitsökonomischer Evaluationen, diskutiert.

11:40 Uhr

S. Hampel; V. Reuter1; M. Reichert
Soziale Gerontologie und Lebenslaufforschung , Institut für Soziologie, Universität Dortmund, 1 Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.V., Institut für Gerontologie an der TU Dortmund, Dortmund;

S406-03

Mobile Demenzberatung – niedrigschwellige Hilfe für pflegende Angehörige

Zukünftig ist angesichts sich verändernder Bevölkerungsstrukturen mit einem weiteren Anstieg an zu versorgenden und zu betreuenden Demenzerkrankten zu rechnen. Pflegende Angehörige sind vor die Herausforderung gestellt, gezielte Informationen über vorhandene Versorgungs- und Unterstützungsangebote zu erhalten und äußern einen großen Bedarf nach Fachberatung. Diese ist in der Folge häufig Anreiz für die Inanspruchnahme von Entlastungsangeboten und ihre frühzeitige Nutzung hat positive Auswirkungen auf die häusliche Versorgung. Sie stärkt die Handlungskompetenz von pflegenden Angehörigen, erhöht sowohl deren Lebensqualität als auch die der Menschen mit Demenz und kann den Umzug in ein Pflegeheim verzögern. Der Rhein-Erft-Kreis, eine ländlich geprägte Region im südlichen Nordrhein-Westfalen reagierte auf diesen Bedarf mit der Implementierung einer mobilen gerontopsychiatrischen Beratung mit dem Schwerpunkt Demenz. Multiprofessionelle und trägerübergreifende Teams, bestehend aus haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, bieten in einem speziell ausgestatteten Bus an verschiedenen Standorten im Rhein-Erft-Kreis kostenlose Beratungen an.
Die TU Dortmund, Lehrgebiet Soziale Gerontologie und das Institut für Gerontologie an der TU Dortmund führen - im Auftrag des BMG - die wissenschaftliche Begleitung dieser mobilen Demenzberatung durch. Es wird insbesondere untersucht, wie die mobile Beratung so konzipiert und implementiert werden kann, dass sie den Bedarfen der Zielgruppe gerecht wird und langfristig als Bestandteil der Regelversorgung etabliert werden kann. Zu diesem Zweck wird in einem multimethodischen Vorgehen, das qualitative und quantitative Methoden umfasst, die Perspektive aller Beteiligten einbezogen (pflegende Angehörige und Demenzkranke, professionelle Akteure der Demenzversorgung, freiwillig Engagierte). Im Beitrag werden empirische Ergebnisse sowohl aus der Bedarfsanalyse der pflegenden Angehörigen als auch aus dem bisherigen Nutzungsverhalten des Beratungsangebotes vorgestellt. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden Anforderungen skizziert, die pflegende Angehörige an eine mobile Beratung richten sowie entsprechende Handlungsempfehlungen für die Umsetzung einer mobilen Beratung abgeleitet.

12:00 Uhr

S. Brose; S. Zank
Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschafltiche Gerontologie, Humanwissenschaftliche Fakultät, Universität zu Köln, Köln;

S406-04

Individuelles Kommunikationstraining für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz (DinKs): erste Erfahrungen eines ICF-basierten Ansatzes

Hintergrund: Das Zusammenleben sowie die Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz in der häuslichen Umgebung werden durch Sprachstörungen und Schwierigkeiten in der Kommunikation der Erkrankten erheblich erschwert. Die Kommunikationsprobleme bilden einen wesentlichen Faktor des subjektiven Belastungserlebens pflegender Angehöriger. Der Sprachabbau der dementiell erkrankten Personen ist nur bedingt aufzuhalten. Angehörige können jedoch lernen, mit diesen Schwierigkeiten besser umzugehen und den Betreuungsalltag zu entlasten. In bisherigen Kommunikationstrainings für pflegende Angehörige stand vordergründig der Wissenszuwachs zum Thema Kommunikation im Fokus. Programme, die den Blick auf die subjektive Belastung richten, existieren im deutschen Sprachraum bislang kaum.
Fragestellung: Kann mit einem individualisierten Schulungsansatz neben dem Wissenszuwachs auch das subjektive Belastungserleben pflegender Angehöriger positiv beeinflusst werden? Sind darüber hinaus positive Veränderungen in der Kommunikation zwischen dementiell erkrankter Person und Pflegeperson festzustellen? Methode: Das Belastungserleben der pflegenden Angehörigen wird über ausgewählte Skalen des Berliner Inventars zur Angehörigenbelastung Demenz (BIZA-D) in einem Prä-Post-Vergleich zu drei Messzeitpunkten erhoben. Ergänzend wird mit jeder Pflegeperson nach Abschluss des Trainings ein Interview geführt. Zur Erfassung der Zufriedenheit mit dem Training wird ein selbst entwickelter Evaluationsbogen eingesetzt.
Ergebnisse: In der deskriptiven Analyse der Daten aus der Pilotphase zeigen sich Hinweise auf positive Veränderungen im sozialen Copingverhalten der pflegenden Angehörigen sowie in der Subskala persönliche Weiterentwicklung. Auch die Belastung durch Beziehungsverlust scheint sich zu verringern. Die qualitative Analyse der Interviews zeigt eine zumindest punktuelle Verbesserung des Kommunikationsverhaltens zwischen dementiell erkrankter Person und Pflegeperson.
Schlussfolgerung: Aus den vorliegenden Daten sind positive Veränderungen hinsichtlich der Belastungsreduzierung in einzelnen Subskalen des BIZA-D erkennbar. Anhand der geringen Fallzahl in der Pilotphase können die Ergebnisse jedoch nur Tendenzen abbilden und müssen in der Hauptphase der Interventionsstudie überprüft werden.