Freitag, 26.09.2014

08:00 - 09:30 Uhr

Melanchthonianum HS XVI

Vorsitz: Jopp, Daniela (New York/USA); Rott, Christoph (Heidelberg)
Diskutant: Oswald, Frank (Frankfurt a. M.)

Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie: Herausforderungen und Stärken im Alter von 100 Jahren

Im Zug des demographischen Wandels erreichen immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter. Bevölkerungsprognosen gehen seit einigen Jahren davon aus, dass jedes zweite seit dem Jahre 2000 geborene Kind seinen 100. Geburtstag erreichen wird. Dennoch sind Hundertjährigen-Studien bislang eher selten, untersuchen oft ausgewählte (d.h. sehr fitte) Hundertjährige und sind zumeist auf bestimme Aspekte (z.B. Gesundheit) beschränkt. Das Ziel der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie (HD100-II) war es, ein umfassendes und realistisches Bild des Lebens im sehr hohen Alter zu zeichnen. Um möglichst repräsentative Daten für die Gesamtpopulation zu erlangen, wurden alle Hundertjährigen im Umkreis von 50 Km von Heidelberg zum Interview eingeladen. Von dieser Gruppe wurden 95 Hundertjährige bzw. ihre Angehörigen befragt. Das Symposium geht der Frage nach, wie Menschen im Alter von 100 Jahren leben und welche Merkmale sie auszeichnen. Die vorgestellten Befunde adressieren die zentralen Lebens- und Funktionsbereiche Gesundheit, Kognition, soziale Einbindung, Wohlbefinden, sowie Sterben und Tod. Der Vortrag von Rott und Kollegen untersucht die funktionale Gesundheit sowie die kognitive Leistungsfähigkeit der Hundertjährigen und vergleicht diese mit den Ergebnissen der ersten Studie vor elf Jahren. Van Riesenbeck und Kollegen geben Einblicke in die Beziehung zwischen den Hundertjährigen und ihren selbst altgewordenen Kindern auf der Basis von qualitativen Interviewdaten. Jopp und Kollegen gehen der Frage nach, welche Faktoren zum Wohlbefinden der Hundertjährigen beitragen. Boch und Kollegen schließlich berichten über Gedanken zum Sterben und Tod bei den Hundertjährigen. Zusammenfassend zeigen die Befunde, dass das Leben mit 100 mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist, die vor allem gesundheitlicher Natur sind. Gleichzeitig werden aber auch zahlreiche Stärken deutlich, wie beispielsweise im Umgang mit gesundheitlichen Einschränkungen und dem nahenden Lebensende.

08:00 Uhr

C. Rott; D. Jopp1; K. Boerner2; A. Kruse
Institut für Gerontologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg; 1 Department of Psychology, Fordham University, Bronx/USA; 2 Jewish Home Lifecare, Research Institute on Aging, Brookdale Department of Geriatrics & Palliative Medicine, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York/USA;

S303-01

Funktionale Gesundheit und kognitive Ressourcen in zwei Kohorten Hundertjähriger – Vorteile für die später Geborenen

Grundlegende körperliche Funktionen (ADLs) und intakte kognitive Ressourcen sind Voraussetzung für ein selbständiges Leben im Alter. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass diese Ressourcen besonders im hohen und höchsten Alter stark eingeschränkt sind. Population-basierte Studien mit Hundertjährigen kommen zu dem Ergebnis, dass die funktionale Gesundheit nur bei einem kleinen Anteil für eine selbständige Lebensführung ausreicht und ungefähr die Hälfte dieser Altersgruppe an Demenz erkrankt ist. Durch den dokumentierten starken Anstieg der Hundertjährigen ist die Frage, ob nachfolgende Kohorten über bessere körperliche und kognitive Ressourcen verfügen, von hoher Relevanz. Studien mit 90- und 100-Jährigen aus Dänemark weisen in diese Richtung. Dieser Beitrag untersucht die Ausprägung der körperlichen und kognitiven Funktionen von Hundertjährigen in Deutschland und vergleicht deren Niveau in der ersten und zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie, die im Abstand von elf Jahren durchgeführt wurden. 91 bzw. 95 von Einwohnermeldeämtern genannte Hundertjährige wurden persönlich untersucht. Es gab keine Ausschlusskriterien, die Rekrutierung war in beiden Studien nahezu identisch. Basale ADLs wurden mit dem OARS über Proxy-Angaben erhoben. Die kognitive Beurteilung erfolgte über eine verkürzte Version des Mini-Mental-Status-Tests und die Global Deterioration Scale. Die funktionale Gesundheit ist nach wie vor gering, bei drei von sieben ADLs zeigten die später Geborenen aber bessere Leistungen. Auch der Anteil von Hundertjährigen mit keinen oder nur geringen kognitiven Einschränkungen stieg von 41% auf 52%. Insgesamt kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die später geborenen Hundertjährigen sowohl bei den körperlichen als auch bei den kognitiven Ressourcen Vorteile haben. Die Unterschiede sind aber gering und betreffen nicht zentrale körperliche Funktionen. Durch gezielte Maßnahmen auch in diesem Alter könnte vermutlich ein größerer Selbständigkeitsgrad erreicht werden.

08:20 Uhr

I. Van Riesenbeck; D. Jopp1; K. Boerner; C. Rott2; A. Kruse2
Jewish Home Lifecare, Research Institute on Aging, Brookdale Department of Geriatrics & Palliative Medicine, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York/USA; 1 Department of Psychology, Fordham University, Bronx/USA; 2 Institut für Gerontologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg;

S303-02

Hundertjährige und ihre selbst altgewordenen Kinder: Wertschätzung und Grenzerfahrung?

Durch den Anstieg der Lebenerwartung kommt es immer häufiger vor, dass zwei Generationen zusammen das hohe und sehr hohe Alter erreichen. So habe viele Hundertjährige Kinder, die selbst das dritte oder sogar vierte Alter erreicht haben. Die heutigen Hundertjährigen leben häufiger als frühere Hundertjährigen-Kohorten alleine, was vor allem durch ihre Kinder ermöglicht wird. Die Kinder der Hundertjährigen befinden sich in einer besonderen Situation, da sie sich in einer Lebensphase um ihre Eltern kümmern, die in der Regel mit neuen Freiheiten (z.B. nach Verrentung und Empty Nest) assoziiert ist. Zudem haben sie häufig selbst mit altersassoziierten Gesundheitsproblem zu kämpfen, was die Betreuung zusätzlich erschwert. In der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie untersuchten wir, welche Herausforderungen aber auch welche positiven Aspekte die Situation der Hundertjährigen und ihrer selbst altgewordenen Kinder kennzeichnen. Hierzu wurden qualitative Daten von 25 Eltern-Kind-Paaren mit einem durch die Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967) beeinflusstem Verfahren, dem sog. “open coding”, ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder der Hundertjährigen häufig sehr dankbar waren, ihre Mutter oder ihren Vater noch zu haben, diese als Rollenvorbild sahen und die gemeinsame Zeit schätzten. Gleichzeitig waren sie beansprucht und hatten das Gefühl, kein eigenes Leben zu haben. Die Hundertjährigen empfanden Dankbarkeit und hatten Verständnis für die Situation des Kindes, bisweilen berichteten sie jedoch auch von Schuldgefühlen. Zusammenfassend zeigen die Befunde, dass die Beziehung zwischen Hundertjährigen und ihren Kindern oft viel Positives mit sich bringt. Gleichzeitig sind für diese Beziehungskonstellation aber auch ganz besondere Herausforderungen und Belastungen kennzeichnend, die auf sie speziell zugeschnittene Unterstützungmechanismen erfordern.

08:40 Uhr

D. Jopp; C. Rott1; K. Boerner2; A. Kruse1
Department of Psychology, Fordham University, Bronx/USA; 1 Institut für Gerontologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg; 2 Jewish Home Lifecare, Research Institute on Aging, Brookdale Department of Geriatrics & Palliative Medicine, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, NY/USA;

S303-03

Wohlbefinden im Alter von 100 Jahren: Ergebnisse der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie

Ein langes Leben ist für die meisten Menschen wünschenswert, allerdings stellen sich viele das Leben im hohen Alter als sehr schwierig vor. Dass trotz gesundheitlichen Einschränkungen und anderen altersassoziierten Verlusten das Empfinden einer hohen Lebensqualität möglich ist, scheint für jüngere Menschen schwer vorstellbar. Ein Ziel der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie (HD100-II) war es zu untersuchen, ob Wohlbefinden im Alter von 100 Jahren ein Einzelphänomen ist oder eine Mehrheit der Hundertjährigen kennzeichnet. Ein weiteres Ziel war zu untersuchen, welche Mechanismen zum Wohlbefinden in diesem fortgeschrittenen Alter beitragen. Von denen im Rahmen von HD100-II befragten 95 Hundertjährigen gaben über 80% an, zufrieden mit ihrem Leben zu sein (46% waren sehr zufrieden, 36% gaben ein mittleres Niveau an). Ein Fünftel (19%) war nur etwas zufrieden und ein Person gab an, nicht zufrieden zu sein. Nur wenige soziodemographische Aspekte wiesen einen Zusammenhang zur Lebenszufriedenheit auf, hierzu gehörte in einem Privathaushalt und mit Anderen zusammen zu leben. Gesundheitliche Aspekte waren ebenfalls nur bedingt mit Lebenszufriedenheit assoziiert, subjektive Gesundheit hatte eine positive, Erschöpfung und Schmerzen eine negative Beziehung zur Lebenszufriedenheit. Psychologische Stärken wie beispielsweise Selbstwirksamkeit, optimistischer Ausblick, Lebenssinn und Lebenswille waren hingegen stark mit Lebenszufriedenheit korreliert. Diese Eigenschaften waren ebenfalls besonders bedeutsam für die Erklärung von Unterschieden in der Lebenszufriedenheit, wenn diese gemeinsam mit demographischen, gesundheitlichen und sozialen Variablen untersucht wurden. Optimistisch in die Zukunft zu sehen erklärte die meiste Varianz, gefolgt von der Variable Zusammenleben mit Anderen sowie Selbstwirksamkeit. Zusammenfassend verdeutlichen die Ergebnisse, dass eine hohe Lebenszufriedenheit im Alter von 100 Jahren weit verbreitet ist und hierbei psychologische Stärken von besonderer Bedeutung sind.

09:00 Uhr

K. Boch; D. Jopp1; C. Rott2; K. Boerner3; A. Kruse2
Netzwerk für Alternsforschung, Universität Heidelberg, Heidelberg; 1 Department of Psychology, Fordham University, Bronx/USA; 2 Institut für Gerontologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg; 3 Jewish Home Lifecare, Research Institute on Aging, Brookdale Department of Geriatrics & Palliative Medicine, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York/USA;

S303-04

„Ich bin bereit jeden Tag zu gehen – nur heute und morgen nicht!“ – Der Lebenswille von Hundertjährigen angesichts der Todesnähe

Das Leben mit hundert Jahren ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für die Hochaltrigen. Nicht nur aufgrund von häufig vorliegenden körperlichen Belastungen, sondern auch wegen der Nähe zum eigenen Tod. Wie gehen die Hundertjährigen mit der eigenen Endlichkeit um und wie beeinflusst ihre Haltung gegenüber dem Tod den Lebenswillen? Im Rahmen der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie haben 87 der Studienteilnehmer über das eigene Lebensende gesprochen. Die Analyse der qualitativen Daten gab Aufschluss darüber, wie Menschen mit hundert Jahren dem eigenen nahenden Tod gegenüberstehen. Die Ergebnisse zeigen, dass Hundertjährige deutlich zwischen Tod und Sterben unterscheiden. Für keinen der Befragten stellt der Tod eine Bedrohung dar. Jedoch haben 23% Furcht vor dem Sterben und sorgen sich vor allem darum, möglichst ohne langes Leiden und Schmerzen sterben zu dürfen. 73% der Hochaltrigen haben einen starken Lebenswillen und verspüren keinerlei Todessehnsucht. Diese Gruppe der Hundertjährigen hat eine überwiegend positive Zukunftsperspektive und damit stabile Bindung ans Leben. 10% der Befragten wünschen sich den Tod herbei. Ihr Wunsch nach einem Ende des Lebens ist meist bedingt durch fehlende Partizipation am sozialen Leben. Ähnlich ist dies auch bei den 13% der Hundertjährigen, die berichten, dass sie manchmal einen Todeswunsch verspüren, wenn sie sich alleine und unnütz fühlen. Der Lebenswille bei Hundertjährigen ist demnach nicht abhängig von der höheren Vulnerabilität oder dem vielfältigen, vor allem körperlichen, Verlusterleben. Faktoren, die den Willen zum Leben mindern, sind von außen beeinflussbar und weisen auf eine große Verantwortung der Angehörigen, Pflegenden und letztlich der Gesellschaft hin.