Interdisziplinäres Symposium

Donnerstag, 25.09.2014

11:00 - 12:30 Uhr

Melanchthonianum HS XV

Vorsitz: Aner, Kirsten (Kassel); Hämel, Kerstin (Bielefeld)

Alt und abgehängt? Ländliche Regionen im demografischen Wandel

Der demografische Wandel verläuft regional ungleichförmig. Besonders in strukturschwachen ländlichen Regionen treffen demografische Alterung und beschleunigte Schrumpfungsprozesse infolge der Abwanderung jüngerer und erwerbstätiger Bevölkerungsgruppen in attraktive städtische und ökonomisch besser situierte Regionen zusammen. Es scheint, dass demografische Disparitäten und ökonomische Polarisierung eine neue Demarkationslinie zwischen Stadt und Land bzw. Zentrum und Peripherie ziehen. Zugleich verblassen die Ideen einer vermeintlichen ländlichen Idylle, in der starke Familienbande und dörfliche Generationengemeinschaften den Erschwernissen des Alter(n)s auf dem Land (Mobilität, weite Entfernungen, weniger Dienste) handfeste Solidaritäten entgegenzusetzen vermögen. Stattdessen haben der Rück- und Abbau von Infrastrukturen sowie die Zentralisierung von Versorgungseinrichtungen in den vergangenen Jahren Schule gemacht und mehren sich die „Rückzüge aus der Fläche“ mit der Folge, dass eine flächendeckend gleichwertige öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr garantiert ist. Kann die Selbstorganisation der (älteren) Bevölkerung im ländlichen Raum als Alternative gelten und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen?

Im Symposium des Arbeitskreis Kritische Gerontologie der DGGG werden die skizzierte Entwicklung strukturschwacher ländlicher Regionen, der Diskurs um ‚abgehängte‘ alternde Regionen und die zunehmende Peripherisierung ländlicher Regionen ausgehend von den Bedarfslagen und Bedürfnissen der älteren Bevölkerungsgruppen kritisch beleuchtet. Alternativen dazu sollen anhand beispielhafter Konzepte für verschiedene Bereiche diskutiert werden, um Antworten auf die Frage zu finden, wie auch unter schwierigen Voraussetzungen ländliche Räume im Interesse aller Generationen entwickelt werden können.

11:00 Uhr

H. Nolde
Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, Hochschule Magdeburg-Stendal, Magdeburg;

S402-01

Altern in ländlichen Räumen – Schnittstellen zwischen Seniorenpolitik und Daseinsvorsorge

Aktuelle Ausprägungen und zukünftige Prognosen des demografischen Wandels führen zu einer Intensivierung der Diskussion um die Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen, die es angesichts des Zusammenwirkens von Abwanderung, Geburtenrückgang und gestiegener Lebenserwartung insbesondere in ländlichen Räumen der neuen Bundesländer zu gestalten gilt. Die Diskussionen reichen von einer vollumfänglichen Erhaltung der Versorgungsinfrastruktur, über den Rückzug aus der Fläche, bis zu Raumpionieren die neue Strategien entwickeln. Diese gilt es verstärkt mit Blick auf die steigende Zahl älterer Menschen im ländlichen Raum zu betrachten und zu bewerten. Wie Konzepte der Daseinsvorsorge auf die spezifischen Belange älterer Menschen eingehen und wie Seniorenpolitische Konzepte auf die Bedingungen in ländlichen Räumen Bezug nehmen und sich somit Schnittstellen zwischen beiden Ansätzen identifizieren lassen, wurde in einem Teilprojekt im Rahmen des EU Projekts Central European Knowlegde Platform for an Ageing Society (CE-Ageing Platform) untersucht. Dazu wurden die Schwerpunkte ausgewählter Konzepte auf Bundes- und Länderebene analysiert.
Die Bereiche zivilgesellschaftliches Engagement, Vernetzung, Wohnen und Gesundheitsdienstleistungen sind Handlungsfelder, bei denen sich Strategien der Daseinsvorsorge und seniorenpolitische Konzepte annähern. Unterschiede zeigen sich in der Gewichtung von technischer Infrastruktur und sozialen Netzwerken. Hauptaugenmerk in beiden Konzepttypen liegt auf sozialer Infrastruktur, technischer Infrastruktur und Mobilitätsinfrastruktur. Das bürgerschaftliche Engagement wird ebenfalls als ein wichtiger Faktor genannt. Festzustellen ist, dass Investitionen in soziale Netzwerke, die eine Voraussetzung für bürgerschaftliches Engagement sind, eine untergeordnete Rolle spielen. Der anschließende Vergleich mit den Strategiefeldern auf europäischer Ebene im Rahmen des Projekts CE-Ageing Platform, nimmt die Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit als eine weitere Verschiebung der Perspektive auf das Älterwerden in ländlichen Räumen in den Blick.

11:20 Uhr

K. Hämel AG Versorgungsforschung und Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld, Bielefeld;

S402-02

Gesundheit und gesundheitliche Versorgung auf dem Land - Internationale Perspektiven

Hintergrund: Die ländliche Gesundheits- und Versorgungssituation gewinnt auch hierzulande angesichts des beschleunigten demografischen Wandels, ausgedünnter Versorgungsstrukturen und Problemen der Fachkräftemobilisierung auf dem Land zunehmend an Aufmerksamkeit. Doch greifen bisherige Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung zu kurz und dominieren singuläre, sektoralisierte Zugriffsweisen. Aufgabe eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekts war es, in anderen Ländern nach Anregungen zu suchen, wie die Versorgung in den besonders betroffenen strukturschwachen ländlichen Regionen weiterentwickelt werden kann. Ausgewählt wurden Finnland und Kanada, beides Länder mit ausgedehnten schwer zu versorgenden Gebieten und regionalisierten Gesundheitssystemen, die erwarten ließen, dort auf regional differenzierte Konzepte zu stoßen.

Methode: Anhand von Literaturrecherchen und leitfadengestützten telefonischen Interviews mit ExpertInnen (WissenschaftlerInnen, ManagerInnen im Gesundheitswesen, VertreterInnen von Verbänden) wurden aktuelle Entwicklungen der ländlichen Versorgung in Finnland und Kanada eruiert. Anschließend wurden in ausgewählten Regionen Versorgungsmodelle vertiefend analysiert (ExpertInneninterviews vor Ort).

Ergebnisse: Wiederkehrende Elemente, die auf eine Verbesserung der Versorgungssituation auf dem Land abzielen, sind: (a) populationsorientierte Versorgung, (b) multiprofessionelle Ausrichtung und anderer Professionenmix, (c) Stärkung generalistischer Kompetenz und situativer Einbezug von SpezialistInnen, (d) erweiterte Zugangswege für die NutzerInnen (e) Überwindung von Entfernung durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, (f) communityorientierte Arbeitsweise sowie (g) regionale Bündelung und Vernetzung.

Schlussfolgerungen: Gestärkt wurden umfassend angelegte Modelle, die den regional unterschiedlichen Bedarfslagen und Voraussetzungen entsprechend angepasst werden können. Die Modelle, aber auch ihre systematische Implementation, bieten Anregungen und Hinweise für die hiesige Entwicklung.

entfällt

P. Engel
Stabsstelle Altenplanung, Magistrat der Universitätsstadt Marburg, Marburg

S402-03

Wege und Grenzen bürgerschaftlicher Partizipation und Verantwortung in ländlichen Orten am Beispiel altenplanerischer Prozesse in Marburgs Außenstadtteilen

In Marburgs (Außen-)Stadtteilen (Dörfern ab ca. 200 EinwohnerInnen in bis zu 10 km Entfernung bzw. zwei-stündlicher Busverbindung zum Zentrum der kleinen Universitätsstadt) gibt es gemäß Stadtverordnetenbeschluss seit 2009 lokale Befragungen Älterer zu ihren Wünschen und Bedürfnissen. Die Hauptverantwortung für Konzeption und Durchführung liegt bei den Ortsbeiräten bzw. daraus entstandenen lokalen Arbeitsgruppen.

Der Beitrag zeigt, wie die Befragungen neben Informationen zu den Anliegen Älterer v.a. öffentliche Aufmerksamkeit für das Altern sowie eine große Engagementbereitschaft in den Orten generieren – jenseits als typisch ländlich geltender Familien- und Nachbarschaftsunterstützung. Daraus sind mit Begleitung durch städtische Altenplanung und Freiwilligenagentur, je nach Wünschen und Interessen der Engagierten, vielfältige Prozesse und Projektformen entstanden. Trotz unterschiedlicher Organi-sationsstrukturen und ortsspezifischer Vorgehensweisen tragen diese Begegnungs-, Mitmach- und Nachbarschaftshilfeangebote zur lokalen Grundversorgung Älterer bei - „Junge Alte sorgen für sich sowie alte Alte“.

Exemplarisch diskutiert werden diese Partizipationsprozesse mit folgenden Fragestellungen: In wie weit kann Freiwilliges Engagement (von und für Ältere) als Beitrag zur Kompensation der Folgen des demografischen Wandels im ländlichen Raum dienen und wie wirkt sich dies auf kommunale Rolle und Selbstverständnis aus? (Wie) Können Partizipations- und Engagementprozesse angestoßen und kommunal mitverantwortet werden, ohne Ältere auf dem Land in gegenseitige „Haftung“ zu nehmen? Lassen sich aktuelle Entwicklungen wie zunehmende Bezahlung freiwilligen Engagements oder sein verstärktes öffentliches Einfordern gar dahingehend interpretieren, bei Nichtfunktionieren dieser Freiwilligkeit drohe im dörflichen Sozialbereich eine Engagementpflicht als weitere ländliche Be-nachteiligung? Finden sozioökonomische Unterschiede Beachtung – oder ist Engagement etwas von, für und in wohlsituierten Nachbarschaften bzw. Quartieren, so dass es zu einer kommunal gebilligten Verstärkung lokaler Disparitäten kommt?

11:40 Uhr

W. Hanesch; A. Strube
Hochschule Darmstadt, Darmstadt;

S402-04

Sozialraumbezogene Ansätze zur Ermöglichung sozialer Teilhabe benachteiligter älterer Menschen

Das SILQUA-Projekt: „Teilhabemöglichkeiten für benachteiligte ältere Menschen – Sozialraumbezogene Ansätze der Aktivierung und Beteiligung“ beschäftigt sich in zwei Fallstudien mit den Möglichkeiten der sozialen Teilhabe von älteren Menschen, die materiell benachteiligt sind, über gesundheitliche Einschränkungen verfügen und/oder einen Migrationshintergrund haben. Grundlegendes Ziel des Forschungsprojekts war es, Erkenntnisse über die Lebensbedingungen und die Lebenswelt der benachteiligten älteren Menschen zu gewinnen, um ihre Vorstellungen und Wünsche zu Teilhabe- und Verwirklichungsmöglichkeiten wie auch die hemmenden und fördernden Bedingungen für ihre Teilhabe zu erfassen. Ausgehend davon sollten konkrete Ansätze und Angebote zur Verbesserung ihrer Teilhabemöglichkeiten partizipativ entwickelt und begleitet werden. In zwei Standorten wurden gemeinsam mit den älteren Bewohnerinnen und Bewohnern, den institutionellen Akteurinnen und Akteuren vor Ort und den Kommunen als Projektpartnern Projekte entwickelt und umgesetzt, die an den zuvor ermittelten Bedürfnissen dieser Zielgruppe ansetzen.

Die beiden Standorte weisen unterschiedliche strukturelle Bedingungen auf: Es handelt sich zum einen um einem Stadtteil in einem großstädtischen Kontext und zum anderen um ein Gebiet einer Kleinstadt im Ballungsraum. Ein zentraler Fokus der Untersuchung lag auf der Analyse sozialräumlicher Faktoren, die Teilhabe fördern aber auch behindern können. Im Rahmen des Vortrags werden insbesondere diese sozialräumlichen Ressourcen und Barrieren skizziert und die im Projekt entwickelten Strategien zur Verbesserung sozialer Teilhabe vorgestellt und diskutiert. Im Rahmen der Diskussion können so Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit auch auf andere Räume, insbesondere auch auf periphere ländliche Räume, erörtert werden.