Donnerstag, 25.09.2014

17:00 - 18:30 Uhr

Melanchthonianum HS B

Vorsitz: Oswald, Frank (Frankfurt a. M.); Kleinemas, Uwe (Bonn)

Wohnen und Mobilität

17:00 Uhr

R. Kaspar; F. Oswald
AB Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.;

S314-01

Differenzielle Effekte von außerhäuslicher Aktivität und Mobilität älterer Menschen auf ihre Verbundenheit mit der städtischen Wohnumwelt

Der Beitrag diskutiert die relative Bedeutung außerhäuslicher Aktivität und Mobilität für die Wohnverbundenheit und Nachbarschaftswahrnehmung älterer Menschen und leistet damit einen Beitrag zur Schärfung lebensraum- und lebensstilbezogener Perspektiven in der ökogerontologischen Wohn- und Nachbarschaftsforschung. Es wird angenommen, dass außerhäusliche Aktivität als zentrales Element des Person-Umwelt-Austausches die subjektive Verbundenheit mit dem Wohnumfeld fördert, zeitgleich jedoch eine hohe Mobilität mit einer geringeren Identifikation mit dem Stadtteil einhergeht. Allgemeinere Bewertungen der Qualitäten des Wohnumfeldes und der Nachbarschaft (z.B. der sozialen Kohäsion) sollten dagegen über das eigene außerhäusliche Engagement hinaus stärker auch mobilitätsbezogene Qualitäten berücksichtigen. Die Stichprobe stammt aus dem Projekt „Hier will ich wohnen bleiben!“ - Zur Bedeutung des Wohnens in der Nachbarschaft für gesundes Altern (BEWOHNT) und umfasst 595 allein oder mit ihrem Partner lebende Frauen und Männer (70-89 Jahre) aus drei Stadtteilen in Frankfurt am Main. Zur Bestimmung des individuellen Niveaus außerhäuslicher Aktivität und Mobilität wurden Tagebuchdaten (17 Tage), GIS-kodierte Karteninformation, und Angaben aus strukturierten Interviews herangezogen. Eine Mehr-Gruppen-Mediations-Analyse weist über alle Stadtteile hinweg konsistent hohe inverse Zusammenhänge zwischen den latenten Mobilitäts- (-.59***) und Aktivitätsniveaus (.51***) und der Integration des weiteren Wohnumfeldes in das eigene Selbstbild (stadtteilbezogene Identität) auf, während die Effekte auf die allgemeinere Nachbarschaftswahrnehmung stärker durch lokale Besonderheiten (z.B. die Angebots- und Verkehrsinfrastruktur) bestimmt zu sein scheinen. Die Diskussion dieser Befunde erfolgt bezogen auf die Leitbilder aktiven Alterns und Altern in der vertrauten Umgebung.

17:15 Uhr

F. Oswald; R. Kaspar
AB Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.;

S314-02

Altern im Quartier – Die Bedeutung der Verbundenheit mit dem Stadtteil für das Wohlbefinden im sehr hohen Alter

Dem Altern im Quartier wird auch im Hinblick auf das eigene Wohlbefinden im sehr hohen Alter große Bedeutung zugesprochen. Im Projekt „Hier will ich wohnen bleiben!“ - Zur Bedeutung des Wohnens in der Nachbarschaft für gesundes Altern (BEWOHNT) wurde unter anderem die Frage verfolgt, welche Bedeutung die Verbundenheit mit dem Stadtteil neben anderen Einflüssen für das Wohlbefinden im sehr hohen Alter hat. In der Präsentation soll daher der Einfluss von Person-Umwelt Austauschprozessen sowohl im Bereich des Wohnhandelns („Agency“, z.B. außerhäusliche Aktivitäten, wohnbezogene Kontrollüberzeugungen), als auch des Wohnerlebens („Belonging“, z.B. stadtteilbezogene Identität, nachbarschaftliche soziale Zusammengehörigkeit) auf psychisches Wohlbefinden (Valuation of Life) in Ergänzung zum Einfluss gesundheitsbezogener Variablen herausgearbeitet werden. Die Befunde basieren auf Daten von Hausbesuchen und Mobilitätstagebüchern zum ersten Messzeitpunkt des Projekts mit 595 allein oder mit ihrem Partner lebenden Frauen und Männer aus drei Frankfurter Stadtteilen (stratifiziert nach Alter 70-79 vs. 80-89 Jahre alt, Stadtteil und Haushaltsform). Die Befunde verweisen auf substantielle Zusammenhänge von „Agency“ und „Belonging“ Indikatoren mit Wohlbefinden, sowie auf differentielle Effekte in beiden Altersgruppen. So zeigen Mehrgruppen-Analysen (SEM), dass insbesondere im sehr hohen Alter außerhäusliche Aktivitäten (beta = .25*), soziale Zusammengehörigkeit (beta = .24*), und stadtteilbezogene Identität (beta = .23*), negative Gesundheitseinflüsse auf das Wohlbefinden „abpuffern“ können. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines altersdifferentiellen Verständnisses von Entwicklung, das gerade im sehr hohen Alter einen Bezug zu unterschiedlichen Person-Umwelt-Prozessen im gewohnten Quartier aufweisen sollte.

17:30 Uhr

B. Steiner
Altenhilfe, Leitung Geschäftsfeld, BruderhausDiakonie, Reutlingen;

S314-03

„Unterstütztes Wohnen“ für ältere Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf als neues Paradigma? Aspekte der Lebensqualität kleingemeinschaftlicher Wohnformen

Eine wachsende Zahl an ambulanten und stationären Wohn- oder Hausgemeinschaften kennzeichnen den Trend zu Ausdifferenzierungsprozessen an Wohn- und Unterstützungsformen für ältere Menschen. Sie orientieren sich an einer Philosophie, die auf Autonomie der Bewohner und Normalität fußt, die sich unter Wohnen und Alltag, wie man es von zu Hause kennt, fassen lässt. Die Wohnumwelt ermöglicht das Führen eines eigenen Haushalts, ist kleinräumig und überschaubar. In wohnlicher Erscheinung, mit personeller Präsenz und flexiblen Pflege- und Serviceoptionen stützen sie Qualitäten wie Privatheit und Gemeinschaft, soziale Teilhabe, sinnvolle Tätigkeit und funktionale Unterstützung. Sie deuten auf einen Perspektivenwechsel von Pflegebedürftigkeit und Krankheitssicht zu Wohnen und Lebensqualität hin. Das wirft die Frage auf, ob sie ein bedarfsgerechtes Modell künftiger Infrastruktur darstellen und wie die Qualitätsfrage beantwortet wird.
Als Beitrag zu dieser Fragestellung wurde in einer Untersuchung ein Rahmenkonzept formuliert, in dem sich solche Wohnformen als Typus „Unterstütztes Wohnen“ fassen lassen. Mit einem multimethodischen Ansatz wurden darauf ausgerichtet acht Wohn- bzw. Hausgemeinschaften mit 73 Bewohnern und ein klassischer Pflegeheimbereich mit 18 Bewohnern in Lebensqualitätsdimensionen Verhaltenskompetenz, subjektives Wohlbefinden, wahrgenommene Lebensqualität und objektive Umwelt untersucht. Als Instrumente wurden multidimensionale Skalen eingesetzt, krankheits- und diagnosespezifische Skalen ebenso wie Instrumente, die emotionale und kognitive Komponenten des Wohlbefindens erfassen, ergänzt um teilnehmende Beobachtung und Instrumente zur Evaluation der physikalischen Umwelt.
Ziel der Untersuchung ist es, vor allem ausführliche, deskriptive Daten zu liefern und Forschungsfragen herauszuarbeiten, die in der nationalen und internationalen Diskussion um neue Wohnformen Relevanz haben könnten. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass das Modell „Unterstütztes Wohnen“ sich in wesentlichen Bereichen der Lebensqualität positiv abbildet und zur Untersuchung neuer gemeinschaftlicher Wohnformen herangezogen werden könnte.

entfällt

S. Siltmann
Institut für Gerontologie, Universität Vechta, Vechta;

S314-04

Wohnen und Wohnumfeld als Push- und Pull-Faktoren hinsichtlich Wanderungsbewegungen Älterer

Als Folge des demographischen Wandels ist die Betrachtung der räumlichen Mobilität älterer Generationen von steigender Bedeutung. Dabei ist der Verbleib am angestammten Wohnort oder der Umzug in eine andere Wohnung oder an einen anderen Ort eine Entscheidung, die Ältere nach bestimmten Kriterien fällen. Die Motive Älterer bezüglich ihrer Wanderungsbewegungen zu analysieren, kann Gemeinden und Städte in Deutschland hinsichtlich ihrer Regionalplanung und Raumentwicklungspolitik helfen, vor allem da ein Wohnortwechsel in der Regel mit der intendierten Absicht verbunden ist am neuen Wohnort bis zum Lebensende zu verbleiben. Im Rahmen des Beitrages wird herausgearbeitet, welche Faktoren maßgeblich für eine Wanderungsentscheidung in der Nacherwerbsphase sind, wobei eine Kategorisierung der Motive vorge-nommen wird. Schon seit Ende der sechziger Jahre zeigen Untersuchungen, dass insbesondere die Themen Wohnen (Wohnungsausstattung, etc.) und (Versorgung im) Wohnumfeld als Push- und Pull-Faktoren eine entscheidende Rolle spielen, vor allem wenn zusätzlich ein Auslöser (Lebensereignis) bzw. Anstoß wie der Tod des Ehepartners, Scheidung oder eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes hinzukommt.
Auf Basis eines interdisziplinären theoretischen Ansatzes aus Migrations- und Motivationsforschung unter Einbezug der Verhaltensökonomie, der Kultur- und Sozialgeographie wie auch der soziologischen Handlungstheorie werden qualitative Interviews sowie quantitative Befragungen älterer Wanderer im ausgewählten Untersuchungsgebiet durchgeführt. Dabei stehen insbesondere die Umzugsgründe, die Erwartungen an den gewählten Zielort und die benutzten Informationskanäle im Fokus.
Bisherige Forschungen geben diesbezüglich keine eindeutigen Antworten. Erste Ergebnisse zeigen allerdings, dass neben der Wohnqualität, den Versorgungsstrukturen (Gesundheit, gesellschaftliche Partizipation, Kultur und Freizeit etc.), öffentlichen Gütern und Angeboten zur persönlichen Bedarfsdeckung bei Wanderungsentscheidungen vor allem persönliche Beweggründe im Vordergrund stehen. Ferner ist die Nähe der eigenen Kinder oder anderer Angehöriger, damit der Zugang, die Integration und Teilhabe an bereits vorhandenen sozialen Netzwerken häufig das Ziel der Wanderung.

17:45Uhr

A. Vatterrott; A. Barth; Y. Zhou; A. Fink$1; G. Doblhammer
Institut für Soziologie und Demographie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Rostock, $1 Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Rostock;

S314-05

Mobilitätseinschränkungen und Demenz als Faktoren der Sterblichkeit in Deutschland – Eine Untersuchung mit Registerdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung

Demenz und Mobilitätseinschränkungen erhöhen das Sterberisiko. Die Interaktion zwischen den beiden Domänen ist komplex. So erhöht einerseits Demenz das Risiko für Stürze und daraus folgende Mobilitätseinschränkungen, andererseits tragen Mobilitätseinschränkungen bereits zum Entstehen von Demenzen bei oder können ein frühes Anzeichen für deren Entwicklung sein. Diese Untersuchung fokussiert auf die Interaktion von Mobilitätseinschränkungen und Demenz als Risikofaktoren der Sterblichkeit, und untersucht diese unter Kontrolle von sowohl demenzbezogenen als auch demenzunabhängigen Komorbiditäten und des Pflegestatus. Die Datengrundlage bildet eine Längsschnittstichprobe der Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung AOK, die 2004 aus den mindestens 50-Jährigen Versicherten gezogen wurde. Die Stichprobe wird auf den Zeitraum 2006-2010 und auf Personen beschränkt, die 2006 mindestens 65 Jahre alt waren. Daraus ergibt sich eine Samplegröße von 140.088 Individuen, die über 2.437.708 Personenquartale beobachtet werden. Die Krankheitsinformationen basieren auf der ICD-Klassifizierung und können aus ambulanten und stationären Diagnosen stammen. Mobilitätseinschränkungen werden in Form der Verletzung einer oder mehrerer Extremitäten erfasst, wobei zwischen Verletzungen der oberen (ICD-Gruppen S40 – S69, sowie relevante Abschnitte aus T) und unteren Extremitäten (ICD-Gruppen S70 – S99, relevante Abschnitte T) unterschieden wird. Demenz wird anhand der ICD-Codes G30, G31.0, G31.82, G23.1, F00, F01, F02, F03 und F05.1 definiert. Zwischen 2006 und 2010 sterben 33.781 der beobachteten Personen. Verletzungen speziell der unteren Extremitäten stehen, insbesondere bei gleichzeitig vorliegender Demenz, in einem positiven Zusammenhang mit dem Sterberisiko. Während sich für Nichtdemente dieser Zusammenhang unter Berücksichtigung von Komorbiditäten und Pflegestatus umkehrt, ist dies bei Dementen nicht der Fall. Mobilitätseinschränkungen wirken sich demnach bei Dementen besonders negativ aus und erhöhen deren Sterberisiko zusätzlich.