Donnerstag, 25.09.2014

17:00 - 18:30 Uhr

Löwengebäude HS XIV a/b

Vorsitz: Röhrig-Herzog, Gabriele (Köln); Lindner, Reinhard (Hamburg)
Diskutant: Schulz, Ralf-Joachim (Köln)

Psychosomatik im Alter: aktueller Stand von Klinik, Diagnostik und Therapieoptionen

Trotz hoher Relevanz im klinischen Alltag gehört die Gerontopsychosomatik noch zu den "Stiefkindern" der Geriatrie. Ziel dieses Symposiums ist es, durch drei renommierte Referenten den aktuellen wissenschaftlichen Stand von Klinik (Schaefert), Diagnostik (Lindner) und Therapieoptionen (Schneider) zu beleuchten. Siehe hierzu die abstracts der drei Referenten.

17:00 Uhr

R. Schaefert
Universität Heidelberg, Heidelberg;

S211-01

Funktionelle Störungen im Alter

Gerade bei Älteren ist die diagnostische Abgrenzung funktioneller/somatoformer Beschwerdeanteile infolge degenerativer Körperbeschwerden, Multimorbidität und Polypharmazie komplexer und unsicherer. Deshalb sind von Experten durchgeführte diagnostische Interviews valider als Selbstauskunftsskalen oder die klinische Einschätzung der Behandler. Auf dieser Basis scheinen nach DSM-III/IV bzw. ICD-10 definierte somatoforme Störungen bei Älteren nicht häufiger als bei Jüngeren zu sein bzw. tendenziell eher abzunehmen. Funktionelle gastrointestinale Beschwerden gehen im Alter insgesamt zurück; Alter >50 Jahre ist hier ein Warnsignal. Schmerzsyndrome sind bei Älteren häufiger, wobei degenerative und organische Faktoren dominieren, jedoch in ein biopsychosoziales Gesamtkonzept eingeordnet werden sollten. Für Ältere belegte Vulnerabilitätsfaktoren für funktionelle Störungen sind weibliches Geschlecht, niedrigeres Bildungsniveau, niedrigerer sozioökonomischer Status, Traumata in der Vorgeschichte, negativer Affekt, Alexithymie, mangelnde soziale Unterstützung (Einsamkeit) und verminderte Aktivität. Das Risiko für komorbide Depression und/oder Angst besteht im Alter unverändert weiter. Die Therapie sollte ein leitliniengerechtes, schweregradgestuftes, multimodales, kooperatives, vom Hausarzt koordiniertes Versorgungsmodell für Ältere adaptieren. Sie muss individuelle Möglichkeiten zur aktiven Mitarbeit berücksichtigen und fördern und ggf. spezielle gerontopsychosomatische Kompetenz einbeziehen. Insgesamt bestehen gravierende Forschungsdefizite. Das neue DSM-5-Konzept der „Somatic Symptom Disorder“ ersetzt das bei Älteren oft kaum differenzierbare Kriterium der medizinischen Erklärbarkeit durch psychobehaviorale Positivkriterien und dürfte gerade die Forschung an Älteren erleichtern.

17:20 Uhr

R. Lindner
Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie, Medizinisch-Geriatrische Klinik, Albertinen-Haus, Hamburg;

S211-02

Interaktionsmuster mit suizidalen geriatrischen Patienten im stationären Setting

Suizidalität spielt eine wichtige Rolle bei körperlich kranken Hochbetagten. Aus allen 76 Patienten, die im Laufe eines Jahres durch einen psychosomatischen Konsil-/Liaisondienst einer geriatrischen Klinik behandelt wurden, wurden mittels der Methode der verstehenden Typenbildung idealtypische Interaktionsmuster dieser Patienten mit dem geriatrischen Team gebildet. Im Rahmen einer Strukturanalyse wurde dann untersucht, bei welchen typischen Interaktionsmustern sich gehäuft suizidale und lebensmüde Patienten fanden und welche Krankheiten bei diesen Mustern häufig waren. Obwohl es keine spezifisch suizidalen Interaktionsmuster gab, zeigte sich doch eine Häufung Suizidaler und Lebensmüder bei einem Interaktionsmuster im Rahmen eines Autonomie-Abhängigkeitskonfliktes und bei dem Muster eines ärgerlich-enttäuschten Rückzugs. Hier fanden sich auch mehr Patienten mit Schmerzen, nach Unfällen und mit Lungenerkrankungen, als bei anderen Mustern. Während sich der Grundkonflikt um Fusions- und Abgrenzungswünsche, wie auch der narzisstische Rückzug bei Suizidalen aller Altersgruppen findet, scheint der Körper, seine Störungen, wie auch Heilungsprozessse sowohl für die Entwicklung von Suizidalität im Alter als auch für ihre Entaktualisierung eine zentrale Rolle zu spielen. Die Bedeutung derartiger Interaktionsmuster für die Suizidprävention wird diskutiert.

entfällt

G. Schneider
Klinik u. Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Münster, Münster;

S211-03

Psychotherapie Somatoformer Störungen bei alten Patienten

Der Vortrag klärt die Begrifflichkeiten „Somatisierung“ und „Somatoforme Störungen“ und stellt die Unterkategorien vor. Auf der Basis der vor Kurzem neu erschienenen S3-„Leitlinie zum Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“ der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachgesellschaften informiert er über die empirische Evidenz für die Behandlung somatoformer Störungen im Alter und die psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten in Hausarzt- und Facharztpraxis, sowie über ambulante und stationäre Psychotherapie.

17:40 Uhr

M. Dunkel; A. Kaltwasser
Geriatrische Tagesklinik, Klinikum Nürnberg, Nürnberg;

S211-04

Interdisziplinäre und multimodale Schmerztherapie - ist dies bei Hochbetagten möglich?

Hintergrund:
In der geriatrischen Tagesklinik am Klinikum Nürnberg werden geriatrische Patienten mit chronischen Schmerzen seit fast drei Jahren multimodal behandelt. Das Behandlungskonzept orientiert sich an einer interdisziplinär ausgerichteten Vorgehensweise anhand des biopsychosozialen Schmerzmodells mit mehreren Bausteinen, nämlich Ergo-, Physio- und Psychotherapie, sozialer Beratung sowie ärztlicher Betreuung. Eine auf geriatrische Bedürfnisse ausgerichtete Schmerzschulung trägt zum Verständnis chronischer Schmerzen bei. Es zielt im Wesentlichen darauf ab, den Patienten Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, welche einen aktiven Umgang mit Schmerzen nach sich ziehen.

Methode:
Die Behandlung erfolgt über 20 Behandlungstage mit einer Patientengruppe, bestehend aus sechs Patienten. Physio- und ergotherapeutische Eigenübungen werden individuell mit jedem Patienten erarbeitet. Die Patienten werden psychotherapeutisch betreut und erlernen unterschiedliche Formen von Entspannungsverfahren. Des Weiteren finden unterschiedliche Therapien in der Gruppe statt. Insbesondere geriatrische Syndrome wie depressive Störungen und Gangunsicherheit werden im Programm mitbehandelt und die Patienten zum aktiven Umgang mit diesen angeleitet. Das interdisziplinäre Behandlungsteam arbeitet nach dem fachübergreifenden Therapieziel "Wohlbefinden und Aktivität mit Schmerzen“. Einen wesentlichen Schwerpunkt stellt die Umsetzung der neu erlernten Übungen in den Alltag dar.

Ergebnisse:
Am Ende des Aufenthaltes werden die Patienten getestet (Barthel, Tinetti, SPPB, HADS) und nach dem aktuellen Zustand gefragt. 76 % der Patienten mit Schmerzen berichteten ein gesteigertes Wohlbefinden im Vergleich zum Behandlungsbeginn. 67% der Patienten gaben einen verbesserten Umgang mit Alltagssituationen an. Auf die Frage „Wie beurteilen Sie das Schmerzprogramm insgesamt?“ benoteten die 109 Patienten das Programm durchschnittlich mit der Schulnote 1,5 .

Schlussfolgerungen:
Es ist auch bei Hochbetagten über die medikamentöse Optimierung hinaus möglich, Fähigkeiten für einen aktiven Umgang mit chronischen Schmerzen anzuregen. Ein multimodales Behandlungskonzept aus mehreren Therapiebausteinen berücksichtigt dabei die multifaktorielle Genese von Schmerzen.