Interdisziplinäres Symposium

Donnerstag, 25.09.2014

08:00 - 09:30 Uhr

Melanchthonianum HS XX

Vorsitz: Krupp, Sonja (Lübeck); Hofmann, Werner (Neumünster)

Assessment
  1. Frau PhD Ellen Freiberger (Erlangen-Nürnberg) macht auf die Tücken in der Anwendung des Timed up and go Tests aufmerksam
  2. Frau Dr. Sonja Heidenblut (Köln) spricht über die wissenschaftliche Konzeption der Depression-im-Alter-Skala (DIA-S), Frau Elisabeth Feis (Köln) über deren praktische Anwendung
  3. Frau Dr. Christa Pintelon (Luzern, Schweiz) stellt das strukturierte Delir-Assessment in der Hirslanden Klinik St. Anna vor sowie erste Ergebnisse einer Studie zur Inzidenz des Delirs bei elektiv versus als Notfall aufgenommenen Patienten
  4. Herr Mag. Stefan Strotzka (Wien) berichtet über die Bedeutung von Uhrentests für das geriatrische Assessment
  5. Dr. Sonja Krupp (Lübeck) präsentiert die deutsche Übersetzung eines Fragebogens zur Selbstbeurteilung der Beeinträchtigung alltagsrelevanter Tätigkeiten mit Bezug zur Handfunktion

08:00 Uhr

S. Meyer; J. Gräske; J. R. Thyrian1; K. Wolf-Ostermann
FB 11, Human- und Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen; 1 Standortes Rostock/ Greifswald, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), Greifswald;

S207-01

Menschen mit Demenz in der häuslichen Versorgung – Gefahr einer Mangelernährung?

Ziele:
Menschen mit Demenz (MmD) leiden häufig an einer Mangelernährung oder an einem Risiko dafür. Durch den fortschreitenden Verlust der kognitiven und körperlichen Fähigkeiten, können die Mahlzeiten nicht mehr geplant und zubereitet werden. Nicht selten entsteht dann eine Unterversorgung, welche zu einer Mangelernährung führt. Nach dem Identifizieren einer Mangelernährung oder einem Risiko dafür, kann im stationären Bereich schnell interveniert werden. Doch wie verhält sich dies im häuslichen Bereich? Ausreichend fundierte Erkenntnisse über den Ernährungszustand von MmD im häuslichen Bereich in Deutschland fehlen bislang.
Methode:
Im Rahmen der bundesweiten Studie DemNet-D werden Nutzer/innen von Demenznetzwerken in der eigenen Häuslichkeit untersucht. In der Baselineerhebung wurden mittels persönlichen Interviews mit den Hauptpflegeverantwortlichen der MmD Daten zum Ernährungszustand (MNA-SF; 0-14) im häuslichen Setting erhoben. Neben den soziodemografischen Daten wurden die Demenzschwere (FAST; 1-7), Depression (GDS; 0-15) und Alltagsfähigkeiten (IADL; 0-8) erfasst. Die Datenanalyse erfolgte unter Einbezug multivariater Co-Varianzanalysen (ANCOVA).
Ergebnisse:
Daten von 403 MmD (59,3 % weiblich, 79,8 Jahre) zum Ernährungszustand konnten erfasst werden. 18,9 % der MmD weisen eine Mangelernährung auf und über die Hälfte (52,6 %) haben ein Risiko für eine Mangelernährung. Die betrachtete Studienpopulation weist einen hohen Demenzschweregrad (Median 6,0), starke Einschränkungen in den Alltagsfähigkeiten (Mittelwert 2,0) und eine geringe Ausprägung einer Depression (Mittelwert 4,2) auf. In einer Varianzanalyse des Ernährungszustand (MNA-SF) in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, FAST, GDS und IADL zeigt sich ein erster signifikanter Erklärungsansatz, der jedoch zukünftig noch um ergänzende mögliche Einflussfaktoren erweitert werden muss, (ANCOVA p = 0,009, R2 = 0,100). MmD, welche über bessere Alltagsfähigkeiten verfügen, zeigen einen signifikant besseren Ernährungszustand.
Fazit:
Das Risiko einer Mangelernährung ist bei Nutzer/innen von Demenznetzwerken im häuslichen Setting stark vertreten. Die Studie zeigt erste Risikofaktoren für eine Mangelernährung auf, weist jedoch auch darauf hin, dass weitergehende Einflussfaktoren evaluiert werden müssen.

08:10 Uhr

E. Freiberger
Institut für Biomedizin des Alterns, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Nürnberg;

S207-02

Timed up and Go Test (TUG) – Die Tücken in der Anwendung

Einleitung: Der Timed up and Go Test (TUG) ist ein häufig verwendet Assessment in der Sturzforschung und in der Praxis. Der TUG wird zum Screening, als Prädiktor und zur Überprüfung von Interventionen eingesetzt. In den letzten Jahren haben aber einige Reviews gezeigt, dass die Anwendung des TUG besonders in der Sturzprävention nicht ohne Probleme ist (1-4). Der Vortrag befasst sich mit den Gütekriterien des TUG in Bezug zu Stürzen, stellt die verschiedenen publizierten Cut-off Scores dar und befasst sich mit den Problemen und Tücken in der Anwendung. Objektives: Ein in der Sturzforschung häufig eingesetztes Assessment - der TUG –in Bezug auf unterschiedlichen Anwendungsmethoden, Cut-off scores und Gütekriterien dazustellen. Resultat: Die Reviews zeigen auf, dass es einige unterschiedliche Versionen des TUG in Bezug auf Testprotokolle (normales Gehen vs. Schnelles Gehen, Länge der Gangstrecke) gibt. Der TUG weist weiterhin unterschiedliche Testgütekriterien mit Bezug auf Setting (Reliabilität) und Diskrimination (Faller vs. Non Faller) und Cut-off Scores auf. Diskussion: Der Einsatz des TUG in der Sturzforschung und der allgemeinen Praxis ist nicht ohne Tücken. Um sturzgefährdete, ältere, selbstständig lebende Menschen zu identifizieren, ist der TUG nicht unbedingt geeignet, was im Widerspruch zu einigen älteren internationalen Empfehlungen steht. Besonders die unterschiedlichen Testprotokolle stellen dabei ein Hindernis dar. Ein effektiver Einsatz des TUGs ist daher komplexer als auf den ersten Blick gedacht und besonders im Screening Bereich für ein Sturzrisiko sollte sich nicht alleine auf den TUG verlassen werden.

Referenzen 1.) Schoene, D., et al. JAGS 2013. 61
2.) Rydwik, E., et al. Physical & Occupational Therapy in Geriatrics, 2011. 29(2)
3.) Beauchet, O., et al. Nutr Health Aging, 2011. 15(10)
4.) Nordin, E., et al. Age Ageing, 2008. 37(4)

entfällt

S. Heidenblut; E. Feis1
Lehrstuhl Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie, Department für Heilpädagogik und Rehabilitation, Universität zu Köln, Köln; 1 Herz-Jesu-Krankenhaus, Lindlar;

S207-03

Die Depression-im-Alter-Skala (DIA-S) – wissenschaftliche Konzeption und praktische Anwendung

Der Beitrag beschäftigt sich einerseits mit der wissenschaftlichen Konzeption der DIA-Skala im Vergleich zur Geriatrischen Depressionsskala, andererseits wird die praktische Anwendung der Skala anhand von Beispielen vorgestellt.
Anhand empirischer Daten wird gezeigt, inwiefern die Beantwortung von Depressionsitems durch andere Aspekte geriatrischer Erkrankungen beeinflusst werden kann. So bilden beispielsweise einige Items der Geriatrischen Depressionsskala (z.B. „Haben Sie viel Aktivitäten und Interessen aufgegeben“) weniger die Stimmung der Patienten als deren körperliche Funktionalität ab, was anhand von logistischen Regressionsanalysen veranschaulicht wird.
Der zweite Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die Vorteile der DIA-S auf konzeptioneller Ebene sich auch in ihrer praktischen Anwendung positiv auswirken. Hierzu werden einige Beispiele aus mehrjähriger geriatrisch-praktischer Anwendung der Skala vorgestellt (z.B. die Anwendung bei mittelgradig kognitiv eingeschränkten Patienten und bei funktional eingeschränkten Patienten).

08:25 Uhr

C. Pintelon
Geriatrie, Hirslanden St.Anna, Luzern/CH;

S207-04

Delirinzidenz in der Klinik St.Anna Luzern - Erfahrungen mit den Assessmentinstrumenten Uhrentest, DOS und CAM

Hintergrund der Studie: Der Spitalaufenthalt an sich ist ein Risikofaktor für einen akuten Verwirrtheitszustand (Delir) bei betagten Patienten. Noch häufiger sind Menschen mit einer bereits bestehenden kognitiven Beeinträchtigung von einem Delir betroffen. Jedes Delir stellt eine schwerwiegende Komplikation dar, reduziert die Lebenserwartung des Betroffen und führt zu erheblichen Folgekosten in Form von Personaleinsatz und Behandlung der Komplikationen.
Hypothese: Zwischen 10 und 20% der Notfalleintritte dieser Altersgruppe sind von einem Delir betroffen. < 5% der elektiven Patienten erleiden ein Delir Patienten mit bereits bestehenden Defiziten, die sich mittels MSQ und Uhrentest n. Watson et al. erheben lassen, sind in beiden Gruppen häufiger betroffen.
Ziel dieser Studie: Genaueres Wissen zur Häufigkeit von Delirien in unserem Haus. Gezielter Einsatz von MSQ, Uhren-Test und DOS in der Pflege bei gefährdeten Patienten, damit Delirien früher erkannt werden. Das Wissen über die Inzidenz von Delirien und der Risikogruppen soll die Planung von Personalressourcen und räumlichen Bedürfnissen für diese Patienten verbessern.
Studienzeitraum: 1. März 2014 – 30.6.2014
Ich berichte über die ersten Ergebnisse der Studie und die Erfahrungen mit den Assessment- Instrumenten auf Seiten von Ärzten und Pflege.

08:40 Uhr

S. Strotzka
GerontoPsychiatrisches Zentrum (GPZ) und Beratungszentrum für Angehörige älterer Menschen mit psychosozialen Problemen, Psychosoziale Dienste Wien , Wien/A;

S207-05

Bedeutung des Uhrentests für das Geriatrische Basisassessment

Der Uhrentest ist mit frei gezeichnetem Kreis, der Zeitvorgabe 11:10 Uhr und einer qualitativen Auswertung unverzichtbar für das Geriatrische Basisassessment. Das Verfahren ist sehr einfach und schnell durchführbar, relativ frei von kulturellen und bildungsabhängigen Einflüssen und somit auch bei der Demenzdiagnostik für MigrantInnen besonders gut geeignet. Der Test ist nicht Angst erzeugend und wird von den PatientInnen meist sehr gut akzeptiert und toleriert. Neben theoretischen Überlegungen werden praktische Erfahrungen und Erkenntnisse aus mehr als 6000 neuropsychologischen Untersuchungen in den Vortrag einfließen. Ein besonderer Vorteil des Uhrentests ist die Anschaulichkeit, Bilder sagen bekanntlich mehr als 1000 Worte...

Strotzka, S., Psota, G. & Sepandj, A. (2003). Uhrentest in der Demenzdiagnostik - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Psychopraxis, 4/2003, 16-24.

08:55 Uhr

S. Krupp; N. Langes; S. von Fintel; F. Balck; K. Lohse; J. Kasper; M. Willkomm
Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck, Geriatriezentrum, Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck, Lübeck;

S207-06

Der Duruöz Hand-Index – Ein Fragebogen zur Erfassung der Beeinträchtigung von Alltagsaktivitäten aufgrund von Störungen der Handfunktion

Fragestellung. Die Leistungsfähigkeit der oberen Extremitäten wird wenig standardisiert erfasst. Sie fließt zwar in die Bewertung einiger Items des Barthel-Index ein, umgekehrt lassen sich aus diesem aber keine zuverlässigen Aussagen z. B. zur Handfunktion ableiten. Ein speziell auf alltagsrelevante Tätigkeiten, die vor allem von der Handfunktion abhängig sind, ausgerichteter Fragebogen kann eine zeiteffiziente Bereicherung des Repertoires sein, das eingesetzt wird, um Faktoren zu erkennen, die die Selbstständigkeit geriatrischer Patienten gefährden – sofern er für diese geeignet ist.
Methoden. Zur Erfassung von auf Defiziten der Handfunktion beruhenden Leistungseinbußen auf Alltagsniveau entwickelten Duruöz, Poiraudeau, Fermanian et al. am Hopital Cochin (Paris) ein Selbstbeurteilungsinstrument für den Einsatz bei Rheumatikern, das 1996 erstmals auf Französisch mit englischer Übersetzung publiziert wurde – den Duruöz Hand-Index (DHI, auch Cochin Hand Functional Scale CHFS oder Rheumatoid Hand Functional Disability Scale). Auf einer sechsstufigen Skala bewertet der Patient den Schwierigkeitsgrad bei der Ausübung von 18 Tätigkeiten, wofür drei Minuten veranschlagt werden. Der Test weist hohe Reliabilität auf, ist veränderungssensitiv, wurde mittlerweile auch für eine Vielzahl anderer Krankheitsentitäten validiert und ist in mehrere Sprachen übersetzt worden, von der Autorin auf Deutsch.
Ergebnisse. Der Fragebogen wurde in Lübeck kürzlich bei allen tagesklinisch behandelten geriatrischen Patienten mit einem MMSE-Score von mindestens 25 als Teil des Assessments eingeführt. Über die Erfahrungen hinsichtlich der Verständlichkeit beim Selbstausfüllen und mittels Interview, den Aufwand und den möglichen diagnostischen Zusatznutzen wird berichtet.
Schlussfolgerungen. Sofern sich durch den Einsatz dieses Fragebogens das Gesamtbild der Fähigkeiten geriatrischer Patienten in ihrer Lebenssituation um Aspekte bereichern lässt, die für eine passgenaue Therapie wesentlich sind, sollte diese zeitsparende Form des Assessments Anwendung finden.